Angesagt – Nina Gnädig

Fotograf: Markus Fenchel

Sehr geehrte Frau Nina Gnädig,
Sie sind Diplom-Schauspielerin und haben an der Hochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig studiert. Viele Zuschauer kennen Sie aus Serien wie „Verliebt in Berlin“ oder „SOKO Stuttgart“.

Warum wollten Sie eigentlich Schauspielerin werden? Bereuen Sie diesen Schritt? Welchen Beruf hätten Sie sonst gewählt?

Nina Gnädig: Oh, als Kind hatte ich eine Menge Ideen zur Berufsausübung: Marktfrau z.B. fand ich großartig. Ich dachte, da kann man den ganzen Tag mit roten Backen die eigenen Wassermelonen futtern und wilde Sachen sehen. Seit ich mit vier beim „Krone“ war, wollte ich zum Zirkus; ich hatte dort einen irrsinnig lustigen Clown erlebt.

Seine Luftballonnummer (leider allerdings ohne Helium) hab ich geübt, genauso wie die Artistik der Seiltänzerinnen. Da hat das Stockbett gute Dienste geleistet.

Eigentlich aber wollte ich am liebsten einfach Kind bleiben. Warum sollte man was Schönes ändern? Vermutlich bin ich deshalb Schauspielerin geworden. Ich bin glücklich und dankbar, dass dieser Beruf tatsächlich meine Berufung ist.

Die Redaktion: Können Sie sich noch an Ihre allererste Rolle erinnern? Wie ging es Ihnen dabei?

Nina Gnädig: Meine erste Schauspielerfahrung war wohl die Maria im Krippenspiel. Da war ich in der Grundschule. Ich weiß noch, dass ich ganz sakral singen sollte – und viel zu hoch angefangen habe (lacht).

Später war ich dann mit großer Leidenschaft ein Räuber, ein Kürbis, ein Auto, eine alte Dame. Sie sehen: ich bin früh ins Charakterfach eingestiegen.

Die Redaktion Der Beruf des Schauspielers verlangt viel von einem selber. Wenn ich es noch richtig in Erinnerung habe, mussten Sie in einer Rolle sogar fechten. Sind Sie selber ein sportlicher Typ? Und was machen Sie, um sich fit zu halten?

Nina Gnädig: Ich bewege mich total gerne. Immer schon. Oder andersrum: gibt es ein Kind, dass das nicht gerne tut? Um die Welt zu entdecken und sich darin. Und um Auslauf zu haben.

Irgendwie hat sich das bei mir nie verwachsen. Und es ist egal, was ich mache, ob das Tanzen, Klettern, Tauchen oder einfach nur lange Spazieren gehen und dabei durchs Herbstlaub rascheln ist, wie jetzt gerade. Hauptsache, es füllt die Lunge. Und das Herz.

Und ja: wenn ich spiele, werden meine Bewegungen Teil meiner Figur. Ist die schnell im Kopf wie im Körper, dann ist es durchaus hilfreich, ihr das möglichst auch zur Verfügung stellen zu können (lacht).

Die Redaktion: Sie spielen sehr viel in Krimiserien mit. Demnächst auch in der „Soko München – Das Halstuch“. Sind Kriminalgeschichten genau das, was Sie gerne spielen wollen. Spielen Sie da auch mal lieber die Böse oder liegt Ihnen die Kommissarin mehr?

Nina Gnädig: Warum oder? (lacht) Was mich am Schauspiel schon immer fasziniert hat, besser: was mich mit angehaltenem Atem zurück ließ, war die Verwandlung. Als Spielerin bedeutet das die Chance, 365 verschiedene Leben auszuprobieren und umso ahnender, liebevoller und gelassener in das eigene zurückzukehren.

Natürlich erscheinen einem da Extreme erst einmal besonders anziehend. Es kommt aber immer darauf an, mit wie viel Liebe eine Figur gezeichnet ist, welche Beweggründe sie hat. Von da aus eröffnet sich ein ganzes Leben. Und macht die Frage, ob die Rolle hauptberuflich Mörder ist oder Mörder jagt, bisweilen zweitrangig (lacht).

Die Redaktion: Wie bereiten Sie sich auf Ihre sehr unterschiedlichen Rollen vor? Einmal spielt man eine Geliebte, dann wiederum eine Kommissarin, da muss man sich doch intensiv mit den Rollen auseinandersetzen.

Nina Gnädig: Wenn es da den EINEN Weg gäbe! Ha. Nein, vielleicht ist das das Schwerste – und auch das Schönste! – in unserem Beruf: dass man wieder und wieder und wieder am Anfang steht. Vor einer ganzen Biographie, die in sich einzig ist. Und dadurch auch der Zugang zu ihr. Mit Euphorie das Neue zu entdecken. Allem zu lauschen – außen und innen.

Zu sehen, wie sich daraus leise, fast unmerklich eine Figur formt. Ihrer Vorbereitung zu vertrauen. Um dann loszulassen, und sich auf den Moment zu konzentrieren. Der in sich eine eigene Wahrheit birgt.

Die Redaktion: Ich habe es immer wieder erlebt, dass es bei den Dreharbeiten viele Freiräume gab, wo man selber nicht zum Zuge gekommen ist. Was macht eine Schauspielerin in dieser Zeit?

Fotograf: Markus Fenchel
Fotograf: Markus Fenchel

Nina Gnädig: Däumchen drehen und rauchen. Nein, natürlich nicht (lacht). Das kommt, glaube ich, auf die Drehpausenlänge und auf den Charakter an. Manche quatschen dann gerne mit Kollegen, mit dem Team, andere halten eine Siesta oder lesen, wieder andere schauen einfach still vor sich hin und warten darauf, dass es weiter geht.

Ich versuche gerne, in der Konzentration zu bleiben – die Intuition sagt einem mit Verlass dann schon, was dabei hilfreich und was störend ist (lacht).

Die Redaktion: Als Schauspielerin oder Schauspieler hat man doch im Kopf, dass man unbedingt die „Rolle“ spielen will. Haben Sie eine Traumrolle, die Sie unbedingt mal spielen wollen?

Nina Gnädig: Ich würde unglaublich gerne einmal eine tragikomische Figur spielen. Eine, deren Leben sozusagen als Tanz auf der Klippe stattfindet. Bei der man nie weiß, ob sie beim nächsten Schritt in den Abgrund stürzt. Oder fliegen lernt. Und man mit ihr.

Die Redaktion: Wo kann man Sie in nächster Zeit noch als Schauspielerin erleben?

Nina Gnädig: Hm. Bis Jahresende kommt auf alle Fälle erst mal monatlich was:

am 7.11.2016 „Soko München – Das Halstuch“, im ZDF
am 19.11.2016 Herzensbrecher – Hase und Igel“, im ZDF
am 16.12.2016 „Dr. Klein – Auf den zweiten Blick“, auch ZDF

Außerdem wird nächstes Jahr ein großer ARD-Event-Movie über die sogenannte Flowtex-Affäre gezeigt, der größten Wirtschaftsaffäre der Nachkriegszeit. Und momentan laufen – den liebevollen Nachrichten von Zuschauern nach zu urteilen – offensichtlich die „SOKO Stuttgart“-Folgen in der Wiederholung.

Die Redaktion: Schauspielen und Spielen, das passt zusammen. Spielen Sie gern Rollenspiele? Was ist Ihr Lieblingsspiel?

Nina Gnädig: Na, allein von Berufs wegen ergibt sich das immer wieder (lacht). Privat vor allem im Spiel mit den Nachbarskindern. Unser Lieblingsspiel ist die Weltreise. Dabei ist die ganze Wohnung zu entdecken: Post- werden zu Fahrkarten, aus der Badewanne heraus kann man Seife als Brot kaufen für den Hunger unterwegs und im Wäschekorb ziehen wir die Jüngste hinterher.

Überall lauern Abenteuer, Gefahren und fremde Länder mit anderen Sitten – aber wir sind immer mutig und klug und stark genug, und lassen uns was einfallen.

Die Redaktion: Unsere Zeit ist ja angeblich so stressig, dass viele Eltern nicht mehr mit ihren Kindern spielen. Haben Ihre Eltern mit Ihnen gespielt? Können Sie sich dabei an bestimmte Momente erinnern?

Nina Gnädig: Da bin ich total beschenkt – und genderübergreifend – aufgewachsen (lacht). Meine Mama hat zwar weniger mit uns gespielt, aber vorgelesen, gebastelt und unsere Fantasie beflügelt. Sie hatte phänomenale Spielideen für uns – und sie war immer, absolut immer für uns da. Mit ihr war es eher leise und liebevoll.

Wenn dann mein Papa nach Hause kam, war Tohuwabohu angesagt. Durchs ganze Haus toben, in sämtlichen Lautstärken, Kampf- und Kitzelgraden. Er hat uns Höhlen gebaut, die Welt erklärt und gezeigt, wie man Stöcke schnitzt, Fußball spielt und Feuer macht. Ach und: kuscheln. Das konnten wir alle – ausgiebig und stundenlang.

Die Redaktion: Spielen verbindet und macht bekanntlich viel Spaß. Spielen Sie auch mal mit Ihren Freunden?

Nina Gnädig: Dadurch, dass relativ viele meiner Freunde aus der Branche sind, machen wir privat auch ganz gerne mal andere Sachen (lacht). Aber ja, hin und wieder kommt das vor, dass jemand ein Brettspiel auf den Tisch packt oder Karten. Meistens ändern sich die Regeln dann während des Spiels alle drei Minuten, das ist das Tollste dran.

Außerdem gibt es „was-wäre-wenn“-Spiel. Wir sprechen imaginär mit anderen und spielen so Situationen durch. So lange, bis alles gesagt ist und das Herz wieder leicht wird (lacht).

Die Redaktion: Spielen Sie gern?

Nina Gnädig: Na klar. Und wie!

Die Redaktion: Was nur wenige wissen, Sie engagieren sich viel und aber machen es nicht bekannt, was eigentlich sehr zu schätzen ist. Sie unterstützen das Kinderhilfswerk in Berlin. Können Sie verraten, was Sie hier machen?

Nina Gnädig: Das Deutsche Kinderhilfswerk bemüht sich darum, (gerade auch benachteiligten) Kindern eine Chance zu geben und eine Zukunft zu ermöglichen. Eine, die sie mündig macht. Ob das die Überwindung von Kinderarmut ist oder eine gesellschaftliche Beteiligung, genügend Möglichkeiten zum Spielen, faire Bildungschancen oder das erste Kennenlernen demokratischer Prozesse.

Die Mitarbeiter dort sind unfassbar engagiert, vielseitig und warmherzig. Und belastungserprobt. Ich bewundere ihre Arbeit sehr. Mir kommt dann lediglich die Aufgabe zu, sie bei Veranstaltungen zu unterstützen, so es mein Zeitplan zulässt: das kann in Form von Vorlesen sein, Taschen bedrucken, Laudatio halten, Luftballons aufpusten – also alles, was im direkten Kontakt mit den Kindern steht.

Fern vom Administrativen. So ein Glück!

Wilfried Just: Vielen, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten.

Nina Gnädig: Vielen Dank für die klugen, komplexen Fragen, Herr Just. Das hat großen Spaß gemacht. Ihrem Magazin wünsche ich viele tolle Leser und Ihnen einen goldenen Herbst.

Infos

www.nina-gnaedig.de/

https://de-de.facebook.com/ngnaedig/

Bild Fotograf Markus Fenchel

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Wilfried Just
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Das Magazin wurde im Mai 2016 gestartet, trotzdem kann ich selber auf fast 15 Jahre Spielerfahrung zurückblicken. Das Bild wurde von Juli gezeichnet.

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