Angesagt – Anja Baumheier

Bildrechte Anja Baumheier

Sehr geehrte Frau Anja Baumheier,
Sie sind Lehrerin für Französisch und Spanisch. Und Sie haben Ihren ersten Roman „Kranichland“ (Verlag Wunderlich (gehört zu rowohlt) und Audiobuch Verlag) veröffentlicht.

Redaktion: Wie fühlt man sich als junge Autorin, wenn man das erste Mal sein Werk gedruckt in der Hand hält?

Anja Baumheier: Das war ein bisschen so wie bei der Geburt meiner Tochter, die Hormone spielen verrückt, im positiven Sinne. Alle schönen Adjektive, die es gibt, beschreiben dieses Gefühl: überwältigend, zufrieden, toll, verliebt, stolz, wunderbar…

Redaktion: Für die Leute, die Sie noch nicht kennen, wie würden Sie sich beschreiben?

Anja Baumheier: Diese Frage würde ich wahrscheinlich jeden Tag anders beantworten. Am meisten finde ich mich in einer Liedpassage von Clueso wieder: „Hier und da komm ich auf die Idee, ein andern Weg zu gehen, mal verspielt und mal gefasst.“

Was immer gleich ist: Ich höre gerne zu, die Leute um mich herum erzählen mir viel. Wie sie „funktionieren“, wie sie zu dem wurden, was sie sind, ihre Träume, ihre Ängste, ihre Pläne, das fasziniert mich.

Und meine Hände brauchen ständig Beschäftigung: Klavierspielen, Häkeln, Nähen, Malen, irgendetwas ist immer zu tun.

Die Redaktion: Um was geht es in dem Roman „Kranichland“?

Anja Baumheier: Ich erzähle die Geschichte der Familie Groen. Die Groens leben in der DDR und wir begleiten sie von Mitte der 30er Jahre bis heute. Alle Familienmitglieder gehen unterschiedlich mit der damaligen Zeit und ihren Bedingungen um.

Dabei zeige ich, wie sie leben, wovon sie träumen und was ihre Ängste sind. Es ist ein Roman über die Suche nach dem Sinn des Lebens und darüber, was Freiheit ist.

Bild Audiobuch

Die Redaktion: Der Roman „Kranichland“ greift ein sehr spannendes Thema auf. Die einen sind dem System sehr ergeben und die anderen suchen ihre Freiheit. Obwohl sie eine Familie sind und die gleiche Erziehung genossen haben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen und wie viel von Ihnen selber steckt in dieser Geschichte?

Anja Baumheier: Ich bin selber in der DDR geboren, habe also biographisch einen Bezug zu dem Thema, wenngleich ich gerade mal zehn Jahre alt war, als die Mauer fiel. Es ist für mich schwierig im Nachhinein zu erklären, wie die Geschichte der Familie Groen entstanden ist.

Schon lange haben mich die unterschiedlichen Lebensentwürfe von DDR-Bürgern interessiert: aktive Mitläufer, still Angepasste, offen Oppositionelle, Ausreisewillige, usw. In „Kranichland“ habe ich versucht, all das in einer Familie zu verdichten. Von mir selbst steckt nichts in der Geschichte und mit gerade mal zehn war ich zu jung, um alle Zusammenhänge zu verstehen.

Redaktion: Die Geschichte von „Kranichland“ ist auch ein Stück Zeitgeschichte, in der Sie eine Familie 80 Jahre lang im Roman begleiten. Wie lange haben Sie für das Vorbereiten und das Schreiben benötigt, denn es bedarf bestimmt vieler Nachforschungen?

Anja Baumheier: Ich habe ein halbes Jahr an dem Roman gearbeitet. Das ist wohl schnell, hat man mir gesagt. Aber das Thema DDR ist schon lange präsent: In meiner Biografie, in meinen Bücherregalen, auf meinen Film- und Serienlisten.

Die Recherchegrundlagen waren also im Voraus zum größten Teil schon vorhanden. Zudem hatte ich während des Schreibens gute Beratung von Profis, die unglaublich viele Details aufgestöbert und dadurch das Zeitkolorit abgerundet haben: Das ging vom politischen DDR-Sprachduktus, über das Wetter und Parfüms bis zu Brause und Kartoffelsalat.

Redaktion: Wenn Sie vor der Entscheidung stehen würden, Autorin oder Lehrerin zu sein, wie würden Sie sich entscheiden?

Anja Baumheier: Ganz eindeutig: Da könnte ich mich nicht entscheiden.

Redaktion: Wir sind ein Kinderspielmagazin und versuchen Erwachsene dazu zu bewegen, mit ihren Kindern zu spielen, weil dies für die kindliche Entwicklung wichtig ist. Was wurde bei Ihnen zu Hause gespielt?

Anja Baumheier: Die Klassiker: Monopoly, Mensch-ärgere-dich-nicht, Rommee, Mau-Mau, Pasch und Schach. Ich muss aber auch zugeben, dass es kaum Computerspiele o. ä. gab. Sonst hätte die Liste wahrscheinlich ein wenig anders ausgesehen.

Bildrechte Anja Baumheier

Redaktion: Was war Ihnen dabei wichtig, wenn Sie mit Ihren Eltern oder Geschwistern gespielt haben?

Anja Baumheier: Zu gewinnen! Nein, im Ernst: die Gemeinschaft, ganz klar, das Zusammensein, eine Schale Erdnussflips, eine Tafel Schokolade, ein Glas Apfelsaft und Zeit miteinander zu verbringen.

Redaktion: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, Persönlichkeiten aus der jetzigen Zeit oder aus der Geschichte zu einem Spiel einzuladen, wer dürfte an Ihrem Tisch Platz nehmen?

Anja Baumheier: Friedrich Dürrenmatt, Juliette Gréco, Winfried Glatzeder und Manfred Krug.

Redaktion: Welches Spiel spielen Sie am liebsten? Und was spielen Sie heute mit Ihren Kindern oder Freunden?

Anja Baumheier: Was ich nicht so mag, sind Rollenspiele, wie sie meine Tochter früher immer so gerne gespielt hat. Verkleiden und so tun, als ob man jemand anderes ist, das mag ich nicht. Heute spielen wir gerne UNO, immer noch Monopoly und gerne auch am Computer oder der Konsole.

Solange die nicht Überhand nehmen, finde ich daran grundsätzlich nichts verkehrt und es gibt grafisch sehr schön gestaltete Spiele, die die Koordination und das logische Denken schulen.

Dann gibt es noch diese Exit-Games, bei denen man in einen Raum gesperrt wird und durch Kombinationsfähigkeit in einer bestimmten Zeit die Tür wieder aufbekommen muss. Die finde ich toll.

Verlag Wunderlich

Redaktion: Schummeln Sie auch gern mal im Spiel?

Anja Baumheier: Nein, es geht ja um die Gemeinschaft. Und wenn ich schummle, dann gewinne ich, das Spiel ist schneller zu Ende und die Gemeinschaft wird schneller aufgelöst.

Redaktion: Könnten Sie sich vorstellen, auch selber mal ein Spiel zu erfinden?

Anja Baumheier: Das habe ich sogar schon für meine Tochter, als sie krank das Bett gehütet hat. Das war eine abgeänderte Mensch-ärgere-dich-Version.

Redaktion: Auf welche Frage hätten Sie in letzter Zeit keine Antwort?

Anja Baumheier: Auf diese.

Redaktion: Was planen Sie für die Zukunft?

Anja Baumheier: Einen Bauernhof am Waldrand, einen Hund und einen Schreibtisch unterm Dach mit Blick auf die Natur.

Redaktion: Danke für das Gespräch.

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Wilfried Just
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Das Magazin wurde im Mai 2016 gestartet, trotzdem kann ich selber auf fast 15 Jahre Spielerfahrung zurückblicken. Das Bild wurde von Juli gezeichnet.

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