Interview mit Anna Maria Praßler zur neuen Reihe „Ice Guardians“

Bildrechte -Lendita-Mulaj

„Alles begann mit einem Bild, das in meinem Kopf auftauchte, von einem Mädchen auf einer grünen Bergwiese, das Schnee erzeugt…“

Die Redaktion: Woher kam Ihnen die Idee zur Reihe „Ice Guardians“?

Anna Maria Praßler: Alles begann mit einem Bild, das in meinem Kopf auftauchte, von einem Mädchen auf einer grünen Bergwiese, das Schnee erzeugt – warum oder wie, das wusste ich nicht. Ich musste an alte Sagen und Mythen denken, die ich aus dem Alpenraum kannte, etwa von „Saligen Frauen“, die auf den schneebedeckten Gipfeln leben und den Menschen helfen – oder sie bestrafen.

Dieses Setting hat sich für mich mit einem Thema verbunden, das mir sehr am Herzen liegt, dem Gletscherschutz. Seit meiner Kindheit bin ich gern und häufig in den Alpen. Wie sehr die Landschaft sich verändert hat, wurde mir bewusst, als ich vor fünf Jahren alte Fotos angeschaut habe – plötzlich sah man ganz deutlich, wie drastisch der Gletscher zurückgegangen ist.

Und das innerhalb von zwei Jahrzehnten! All das hat mich nicht mehr losgelassen ist – die Reihe „Ice Guardians“ war geboren.

Die Redaktion: Worum geht es im ersten Band „Die Macht der Gletscher“?

Anna Maria Praßler: Die zwölfjährige Cléo lebt bei ihrem Vater, einem Musiker. Weil die beiden nie lange an einem Ort bleiben, hat Cléo oft das Gefühl, nirgendwo so richtig dazuzugehören. Da hilft es natürlich auch nicht, dass sie plötzlich eine ganz besondere Gabe in sich entdeckt: Sie kann Wasser in Eis verwandeln!

Als ihr Vater einen Unfall hat, kommt Cléo in ihren Geburtsort in den französischen Alpen, wo ihre Mutter einst spurlos verschwand. In dem geheimnisvollen Internat, das Cléo nun besucht, findet sie zum ersten Mal in ihrem Leben richtige Freund*innen – und sie findet Hinweise auf ihre Mutter und das, was vor elf Jahren passiert ist.

Cléo sucht entschlossen nach Antworten und lässt sich von niemandem davon abbringen, weder von ihrer kühlen Großmutter noch von den aggressiven Murmeltieren, die ihr auflauern und deren Sprache sie versteht.

Die Redaktion: Haben Sie zum Thema Gletscherschmelze recherchiert und wie/wo?

Anna Maria Praßler: Ich habe einige Bergsteiger*innen in der Familie, die mir viel zum Thema Gletscherschmelze und ihren Erfahrungen aus den letzten Jahrzehnten erzählen konnten. Außerdem habe ich mit einer Klimaforscherin gesprochen und fast alles, was es an aktuellen Aufsätzen und Artikeln zum Thema gibt, gelesen. Ich wollte gerne die naturwissenschaftlichen Grundlagen wirklich verstehen.

Bild Oetinger

Die Redaktion: Wie sind Sie zu den Charakteren in Ihrer Geschichte gekommen? Gab es Vorbilder?

Anna Maria Praßler: Cléo war von Anfang an da, dieses Mädchen, das Schnee erzeugt – und selbst nicht weiß, was da gerade mit ihr passiert. Für meine Figuren habe ich keine realen Vorbilder, aber es fließen natürlich immer eigene Erlebnisse, Erinnerungen und Beobachtungen mit ein.

Als ich das Mont-Blanc-Internat und die unterschiedlichen Kinder entwickelt habe, habe ich viel an meine eigene Schulzeit gedacht. Irgendwann sind die Charaktere dann einfach da – genau die Figuren, die meine Hauptfigur Cléo braucht, um reifen zu können.

Die Redaktion: Haben Sie einen Lieblingscharakter? Warum dieser?

Anna Maria Praßler: Ehrlich gesagt liebe ich alle meine Figuren! Cléo ist mir am nächsten, aber auch die anderen liegen mir sehr am Herzen, ich mag sie, verstehe sie total, fühlte mit ihnen mit – das gilt übrigens auch für Charaktere, die gegen meine Hauptfigur Cléo agieren, die Marmotte zum Beispiel.

Die Redaktion: Was hat Ihnen beim Schreiben besonders viel Spaß gemacht?

Anna Maria Praßler: Ich habe zum ersten Mal eine Geschichte mit Magie geschrieben und habe es sehr genossen, in eine ganz eigene Welt einzutauchen, diese erst einmal kennenzulernen und aufzubauen, mit all ihren Besonderheiten, magischen Elementen und Wirkmechanismen.

Großen Spaß hat mir immer auch Cléos Interaktion mit den unterschiedlichen anderen Charakteren gemacht, ob mit ihrer ehrgeizigen Mitbewohnerin Malaika, dem empathischen Kiran oder natürlich ihrer guten Freundin Rosalinde, einer witzigen und vorwitzigen kleinen Langschwanzmaus!

Die Redaktion: Warum schreiben Sie Kinderbücher? Was ist das Faszinierende an dem Genre?

Anna Maria Praßler: Ich finde Kinder wahnsinnig faszinierend und inspirierend, weil sie einen so frischen, unverstellten Blick auf die Welt haben.

Sie erleben alles intensiver als wir Erwachsene, vieles wird zum ersten Mal erlebt, wahrgenommen und empfunden – das literarisch zu begleiten zu dürfen, ist ein Geschenk. Viele Kinder stehen ja früh unter einem relativ großen Druck – Bücher können dazu ein Gegengewicht setzen, glaube ich.

Literatur ermöglicht es Kindern, lesend unterschiedliche Identitäten auszuprobieren, sich spielerisch in andere Kontexte zu setzen, frei, wild, kreativ zu sein und ganz unterschiedliche Welten zu erleben. Kinder sind keine passiven Konsument*innen, sie sind aktiv mit dabei, entwickeln ihre eigene Haltung, fiebern mit und zeigen ihre Reaktionen und Gefühle unmittelbar. Ich erinnere mich selbst noch gut an viele prägende Leseerlebnisse in meiner Kindheit – ich freue mich, wenn ich auch für heutige Kinder solche Erlebnisse schaffen kann.

Die Redaktion: Was macht Ihnen am meisten Spaß, wenn Sie ein neues Buch beginnen?

Anna Maria Praßler: Ich genieße es sehr, eine leere weiße Seite vor mir zu haben – und alles ist möglich. Es macht mir Spaß, ganz viel auszuprobieren und auch wieder zu verwerfen. Am liebsten denke ich über meine Figuren nach und tue alles, um sie besser kennenzulernen.

Meistens fange ich in dieser frühen Phase dann auch schon mit der Recherche an, die mir weitere Ideen und wichtigen Input schenkt.

Die Redaktion: Gibt es einen festen Ort, an dem Sie schreiben? Wie sieht Ihr „Schreiballtag“ aus?

Anna Maria Praßler: In der Regel – wenn ich nicht gerade verreist bin, unterwegs zu Lesungen oder meinem Lehrauftrag – schreibe ich zuhause an meinem Schreibtisch.

Dort finde ich genau die Ruhe und Konzentration, die ich brauche. Mit dem Schreiben beginne ich am Morgen, wenn meine Kinder zur Schule aufgebrochen sind. Da ich auch Drehbuchautorin bin, jongliere ich immer mehrere Schreibprojekte gleichzeitig, zum meinem Arbeitsalltag gehören auch viele Besprechungen und Recherchetermine.

Bildrechte -Lendita-Mulaj

Die Redaktion: Haben Sie schon Pläne für weitere Geschichten?

Anna Maria Praßler: Oh ja, viele! Cléos Geschichte ist natürlich noch nicht zu Ende erzählt, der zweite Band „Der magische Eissplitter“ wird im Oktober erscheinen. Wird es Cléo gelingen, ihre Mutter zu finden? In der magischen Gletscherwelt gibt es noch mehr Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden. Außerdem werde ich mich auch weiterhin dem realistischen Erzählen für Kinder widmen, parallel entstehen Drehbücher für Kinderfilme.

Die Redaktion: Was inspiriert Sie beim Schreiben? (Menschen, Orte, Bücher)

Anna Maria Praßler: Ich gehe gern mit offenen Augen durch die Welt, beobachte Menschen und sammle kleine Momente und Gesten – all das inspiriert mich und arbeitet unbewusst in mir. Und irgendwann ist, davon angestoßen, das erste Bild einer Figur da. Auch Dinge, die ich erlebt habe oder die mir erzählt werden, wirken in mir nach, Erfahrungen aus dem Bekannten- und Freundeskreis. Oft inspirieren mich auch Filme, Theaterinszenierungen und Bücher.

Die Redaktion: Welche Bücher haben Sie als Kind/Jugendliche besonders gerne gelesen?

Anna Maria Praßler: Meine liebste Kinderbuchheldin war Astrid Lindgrens Madita, in der ich mich als Kind sehr wiedergefunden habe. Besonders gerne habe ich als Kind auch die Bücher von Christine Nöstlinger gelesen.

Ich finde es wunderbar, wie sie vom Kindsein mit allem, was dazugehört, erzählt, dem ganzen Trubel und so vielen großen Gefühl, die auch widersprüchlich sein dürfen; und das Ganze mit so viel Humor und Witz, mit wahrhaftigen, lebendigen Figuren mit Ecken und Kanten.

Lindgren und Nöstlinger sind für mich Autorinnen, die ich bewundere, weil sie auf Augenhöhe der Kinder erzählen und nicht erziehen wollen. Als Kind habe ich fast nur realistische Geschichten gelesen, aber mit Michael Endes „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ hatte ich zum ersten Mal Spaß an einer Märchen-/Fantasy-Geschichte.

Die Redaktion: Mit Geschichten, Erzählungen kann man Menschen glücklich machen. Was bedeutet eigentlich für Sie Glück? Kann man Glück anfassen, riechen, schmecken? Wie teilen Sie Ihr Glück mit anderen?

Anna Maria Praßler: Glück bedeutet für mich, ganz im Moment zu sein. Mit allen Sinnen einfach „da“ zu sein und den Augenblick zu erleben, was wir Erwachsene ja manchmal verlernt haben. Natürlich hat Glück einen Geschmack und einen Geruch – besser gesagt: ganz viele, ganz wunderschiedliche! In meinem „Glücksspeicher“ sind Gerüche aus meiner Kindheit, da ist die Berührung meiner Kinder aus der Zeit, als sie noch Hand in Hand mit mir gelaufen sind, oder die frische, klare Luft am ganz frühen Morgen in der menschenleeren Natur. Am schönsten ist es natürlich, einen solchen Moment zu teilen – am liebsten mit meiner Familie.

Die Redaktion: Wo finden Sie Ihr Glück?

Anna Maria Praßler: Gemeinsam mit meiner Familie. In der Natur. In Berlin. In der Stille – oder im Trubel, solche besonderen Momente des Glücks kann ich eigentlich überall finden. Oder das Glück findet mich …

Die Redaktion: Wir sind ein Familienspielmagazin und versuchen Erwachsene dazu zu bewegen, mit ihren Kindern zu spielen, weil dies für die kindliche Entwicklung wichtig ist. Was wurde bei Ihnen zu Hause gespielt?

Anna Maria Praßler: Meine eigene Kindheit war sehr spielintensiv, von daher habe ich es auch als Mutter genossen, wieder voll und ganz in Spielwelten einzutauchen: Wir haben gemeinsam alle möglichen Rollenspiele entwickelt, die über die Jahre hinweg weiter ausgebaut wurden, haben in der ganzen Wohnung Abenteuer in Playmobil-Landschaften erlebt, wir sind in Fantasiewelten abgetaucht und immer auch für Brettspiele zu haben.

Mein Lieblingsspiel ist seit jeher „Sagaland“.

Die Redaktion: Was war Ihnen dabei wichtig, wenn Sie mit Ihren Eltern oder Geschwistern gespielt haben?

Anna Maria Praßler: Ich mochte Schummeleien noch nie! Am allerwichtigsten war mir aber immer, dass wir beim Spielen alle zusammenkamen.

Die Redaktion: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, Persönlichkeiten aus der jetzigen Zeit oder aus der Geschichte zu einem Spiel einzuladen, wer dürfte an Ihrem Tisch Platz nehmen?

Anna Maria Praßler: Ganz klar: Franz Kafka! Beim gemeinsamen Spiel lernt man sich ja so richtig kennen, und wirklich kennenlernen würde ich Franz Kafka sehr gerne. Ich glaube, es wäre auch sehr, sehr lustig mit ihm!

Die Redaktion: Was schätzen Sie am gemeinsamen Spiel?

Anna Maria Praßler: Beim Spielen entsteht eine besondere Gemeinschaft, eine schöne Vertrautheit, eine Bindung, man lernt sich kennen und kann sich nicht verstellen. Spielen ist ehrlich, unmittelbar, direkt, voller Fantasie und Emotionen – und macht einfach Spaß!

Die Redaktion: Was würden Sie heute Ihrem jüngeren Selbst empfehlen?

Anna Maria Praßler: Geh weiter deinen Weg, sei mutig, es lohnt sich!

Die Redaktion: Was planen Sie in der Zukunft?

Anna Maria Praßler: Ich möchte weiterhin in ganz viele spannende Welten abtauchen, ich will Bücher schreiben für das beste Publikum der Welt – Kinder! –, mit meinen Geschichten andere glücklich machen und viele Momente des Glücks mit meiner Familie erleben.

Zum Buch https://www.oetinger.de/buch/ice-guardians-1-die-macht-der-gletscher/9783751204804

Unterstützt durch Oetinger Verlag

Avatar-Foto
Über Die Redaktion 13378 Artikel
Das Magazin wurde im Mai 2016 gestartet, trotzdem kommen wir selber auf fast 15 Jahre Spielerfahrungen zurückblicken.