Medienexperte Florian Buschmann begrüßt das Papier der Expertenkommission zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt und warnt davor, es bei Erkenntnissen zu belassen.
Wenn Florian Buschmann in einer Schulklasse fragt, wer weiß, dass zu viel Zeit am Bildschirm nicht guttut, schnellen fast alle Hände nach oben.
Fragt er wenig später, wer es trotzdem schafft, rechtzeitig aufzuhören, sinken die meisten wieder. In genau dieser Lücke zwischen Wissen und Handeln liegt aus Sicht des Medienexperten das eigentliche Problem – und an ihr wird sich entscheiden, ob die gerade vorgelegten Empfehlungen der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ tatsächlich etwas verändern.
Auf Basis ihres Statusberichts hat die Kommission 56 Handlungsempfehlungen erarbeitet – von einer gesetzlichen Altersgrenze für soziale Medien bis zur Verankerung digitaler Erziehung im Gesetz.
Buschmann begrüßt das Papier ausdrücklich: „Wir haben in Deutschland kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“ Dass die zentralen Befunde nun gebündelt auf dem Tisch lägen, sei ein großer Schritt. Die eigentliche Arbeit beginne jedoch erst jetzt.
Warum es ein Umsetzungs- und kein Erkenntnisproblem ist
Rund 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche zeigen laut der jüngsten DAK-Mediensuchtstudie eine riskante oder bereits abhängige Social-Media-Nutzung; jedes vierte Kind nutzt soziale Medien problematisch.
Die Zahlen seien lange bekannt, so der 24-Jährige – woran es hake, sei die strukturierte Umsetzung.
„Vieles fühlt sich gerade an, als wolle man das Rad neu erfinden. Dabei gibt es in Deutschland längst viele sinnvolle Präventionsstrukturen, an die man anknüpfen kann.“
Der Gründer der Initiative Offline Helden plädiert deshalb dafür, die Kommission länger im Amt zu lassen – nicht nur, um Empfehlungen auszusprechen, sondern um ihre Umsetzung zu begleiten und zu überprüfen. Andernfalls drohe das Papier zu verpuffen.
Eine Altersgrenze, die kein Vakuum schaffen darf
Besonders die vorgeschlagene Mindestaltersgrenze von 13 Jahren für eigene Social-Media-Konten, abgesichert durch eine verlässliche Altersüberprüfung, hält Buschmann für richtig.
Er warnt jedoch davor, sich allein darauf zu verlassen: „Eine Altersgrenze ist sinnvoll – aber darunter darf kein Vakuum entstehen.“ Bildung müsse deutlich früher ansetzen. Der Vergleich mit dem Jugendschutz beim Alkohol liege nahe: Verbote allein verhinderten Konsum nicht, entscheidend sei, Kinder rechtzeitig stark zu machen.
Was bei Social Media gilt, darf Gaming nicht ausnehmen
Auch den Vorschlag, besonders suchtfördernde Mechanismen für Nutzer unter 18 zu deaktivieren, begrüßt der Experte. Er gibt aber zu bedenken, dass die Kommission allein für soziale Medien zuständig sei: „Gaming und andere Bereiche dürfen wir dabei nicht unter den Tisch kehren.“
Gerade aus seiner Workshop-Erfahrung wisse er, dass exzessives Spielen für viele Familien mindestens so belastend sei wie die sozialen Netzwerke.
Mehrere Empfehlungen, die der Experte konkret unterstützt
Folgerichtig findet Buschmann, dass das mit der 7. Klasse endende Handyverbot ausdrücklich für den privaten Gebrauch gelten sollte – im Unterricht lasse sich das Gerät weiterhin gezielt einsetzen.
Das vorgeschlagene „KI-Seepferdchen“, ein Kompetenznachweis schon für Grundschulkinder, klinge gut, werde in der Umsetzung aber Zeit brauchen. Begrüßt wird von ihm ebenfalls die Erweiterung des elterlichen Erziehungsauftrags: Dass § 1631 BGB um den Begriff der „digitalen Vernachlässigung“ ergänzt werden soll, nennt er „sehr sinnvoll“.
Was jetzt zu tun ist
Die 56 Empfehlungen seien erst der Anfang, betont der Medienexperte – die vollständigen Texte sollen bis Mitte Juli folgen. Er blicke „frohen Mutes“ in die Zukunft: Mit dem Papier sei ein großer Schritt hin zu gemeinsamen Leitlinien getan.
Jetzt komme es darauf an, diese mit geeigneten Partnern strukturiert umzusetzen – an bestehende Präventionsangebote anzuknüpfen, Bildung früh zu beginnen und Gaming mitzudenken. „Wir wissen genug“, sagt Buschmann. „Es ist Zeit, dass wir endlich auch ins Handeln kommen.“
Über Florian Buschmann
Florian Buschmann (Psychologie B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv.
Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen.
Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.