„Licht und Schatten gibt es überall – und wer sagt, dass sich im Schatten nicht ein geheimes Portal in eine andere Welt verbergen könnte,
wenn man nur weiß, wie man es öffnet?“
Quinn leidet an einer seltenen, namenlosen Krankheit, die sie zwingt, das Sonnenlicht zu meiden. Wie bist du auf diese besondere Prämisse gekommen – und gibt es reale medizinische Vorbilder dafür?
Melissa C. Hill: Mit Ideen ist das bei mir so: Manchmal sind sie einfach da, ohne dass ich sagen kann, wo sie herkamen. So war das auch mit Quinns Hintergrundgeschichte. Ich wusste sofort, wie sie den Weg nach Noctura findet, welche Rolle ihre Ratte Eddie dabei spielen sollte und warum es für Quinn so ungewöhnlich ist, sich überhaupt draußen aufzuhalten.
Für die Krankheit, an der Quinn leidet, gibt es keine konkrete medizinische Vorlage, denn im Buch steckt viel mehr dahinter, und ich glaube, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Quinns Eltern sind in diesem Punkt nicht ganz ehrlich zu ihrer Tochter.
Das Buch zeigt sehr einfühlsam, wie es sich anfühlt, von Gleichaltrigen abgeschnitten zu sein. Hast du selbst Erfahrungen mit Einsamkeit oder Außenseitertum gemacht, die in Quinns Geschichte eingeflossen sind?
Melissa C. Hill: In meiner Schulzeit habe ich mich zwar manchmal als Außenseiterin gefühlt – wie das eben so ist, wenn man andere Musik hört, sich anders kleidet oder seine Freizeit anders verbringt als der Rest.
Aber einsam war ich nicht. Ich hatte das Glück, meinen Platz und wundervolle Freundinnen und Freunden zu finden, die bis heute ein Teil meines Lebens sind. Vielleicht waren wir in manchem einfach zusammen irgendwie ein bisschen anders.

Und ohne zu viel zu verraten: Ich fand, Quinn sollte dieses Glück auch haben dürfen! Deshalb bleibt sie auch nicht alleine Außenseiterin.
Licht und Schatten sind das zentrale, mystische Element der Geschichte – was fasziniert dich so daran?
Melissa C. Hill: Ich liebe fantasievolle Geschichten, bei denen man sich vorstellen kann, dass sie tatsächlich real sein könnten. Licht und Schatten gibt es überall – und wer sagt, dass sich im Schatten nicht ein geheimes Portal in eine andere Welt verbergen könnte, wenn man nur weiß, wie man es öffnet?
Die Ratten Eddie und Frankie sind Quinns treue Begleiter. Warum hast du dich gerade für Ratten als Haustiere entschieden?
Melissa C. Hill: Ratten sind einfach toll – schlau, verschmust und wahnsinnig sozial! – und haben ihren schlechten Ruf völlig zu Unrecht.
Außerdem finde ich, sie (und Nagetiere im Allgemeinen!) sind im Vergleich zu Hunden, Katzen und Pferden in Büchern eindeutig unterrepräsentiert.
Bei uns ist vor Kurzem eine Hamsterdame eingezogen … wer weiß, vielleicht kommt im nächsten Buch also mal ein Hamster vor?
Quinn lernt Robin über einen Online-Selbstverteidigungskurs kennen. In der Corona-Zeit lief die meiste Kommunikation digital ab, wodurch gerade Kinder und Jugendliche Isolation erfahren haben. Diente diese Zeit auch als Inspiration für deine Geschichte?
Melissa C. Hill: Absolut! Ich habe als Lehrerin während der Pandemie teilweise online unterrichtet, anschließend im Wechselunterricht mit halben Klassen auf Abstand. Das kann man sich jetzt schon fast nicht mehr vorstellen. Für Quinn ist eine ähnliche Art von Isolation Alltag – aber eben anders als in der Corona-Zeit nur für sie und nicht auch für alle anderen Gleichaltrigen.
Das macht es so schwer für Quinn, Anschluss zu finden.
Das Buch richtet sich an junge Leserinnen und Leser. Welche Botschaft möchtest du ihnen mit Quinns Geschichte mitgeben?
Melissa C. Hill: Es ist gar nicht so sehr die eine Message oder das eine Thema, aber in Quinns Geschichte verstecken sich viele hoffentlich mutmachende Botschaften. Zum Beispiel eben, dass es okay ist, anders zu sein.

Aber es geht auch um Erwartungen anderer – in Quinns Fall in Form einer Prophezeiung – und um die Frage nach Gut und Böse. Die beschäftigt Quinn im Laufe des Buchs ganz besonders, weil nicht jeder begeistert davon ist, dass sie den Weg nach Noctura gefunden hat.
„Shadowrunner“ ist der erste Band einer Reihe. Hattest du von Anfang an einen größeren Handlungsbogen im Kopf, oder hat sich die Geschichte beim Schreiben entwickelt?
Melissa C. Hill: Bisher habe ich ja meist für eine etwas ältere Zielgruppe geschrieben … und da sind die Bücher natürlich auch ein bisschen länger. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich Quinns Geschichte nicht in einem einzigen Band unterbringen würde, weil es einfach zu viel zu erzählen gab. Je besser ich Noctura kennenlernte, desto mehr Ideen kamen dazu.
Und nicht zuletzt passiert am Ende von Band 1 auch etwas, das einen zweiten Band absolut unerlässlich macht.
Wenn du wie Quinn nur nachts nach draußen könntest – was würdest du am meisten vermissen, und was würdest du an der Nacht schätzen lernen?
Melissa C. Hill: Mal abgesehen davon, dass mir ganz sicher die Sonne und Wärme fehlen würden, wäre es am schlimmsten für mich, dass viele eigentlich alltägliche Dinge dadurch sehr kompliziert werden würden: Freunde treffen, besondere Orte besuchen, reisen und die Welt sehen.
Vermutlich wäre ich dann aber ein noch größerer Fan der kalten Jahreszeit – einfach, weil es im Herbst/Winter früher dunkel und später hell wird. Aber wenn schon dunkel, dann würde ich gerne in einer Welt wie Noctura leben, die trotzdem so viel Schönheit und Licht beinhaltet: klarer Sternenhimmel, Unmengen an Glühwürmchen und das Nordlicht.
Wir sind ein Familienmagazin und versuchen Erwachsene dazu zu bewegen, mit ihren Kindern zu spielen, weil dies für die kindliche Entwicklung wichtig ist. Was würde bei Ihnen zu Hause gespielt?
Melissa Hill: Ich war schon immer ein großer Fan von Brettspielen jeder Art. Mit meinen Geschwistern habe ich am liebsten „Hotel“ und „Sagaland“ gespielt, mein Opa und meine Mama haben mir die Klassiker wie Mühle und Kniffel beigebracht. Heute versuche ich, diese Begeisterung an meine Kinder weiterzugeben.
Was war Ihnen dabei wichtig, wenn Sie mit Ihren Eltern oder Geschwistern gespielt haben?
Melissa Hill: Ich fand es schon als Kind schön, wenn Spiele ein gewisses Storytelling beinhalteten – etwa eine Mission, die es zu erfüllen galt, oder einfach einen magischen Ort oder eine fantasievolle Welt als Schauplatz des Spiels – so dass man gemeinsam richtig darin versinken konnte. Ähnlich wie bei einem guten Buch.
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, Persönlichkeiten, aus der jetzigen Zeit oder aus der Geschichte zu einem Spiel einzuladen wer dürfte an ihrem Tisch Platz nehmen?
Melissa Hill: Das kommt natürlich auch ein wenig auf das Spiel an! Aber ich glaube, Friedrich Schiller wäre ein angenehmer Mitspieler und interessanter Gesprächspartner.
Er dürfte auch gerne seinen Freund Johann Wolfgang von Goethe mitbringen, auch wenn mein Gefühl mir sagt, dass er sicher ein sehr ehrgeiziger und mitunter anstrengender Mitspieler wäre. Bei einem Quiz wäre er als Universalgenie seiner Zeit dafür unschlagbar!
- Melissa C. Hill
- SHADOWRUNNER 1
- AUFBRUCH INS REICH DER SCHATTEN
- 320 Seiten. Gebunden. Ab 10 Jahren
- Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger
- 16,00 € (D) / 16,50 € (A)
- ISBN 978-3-7512-0666-2
- Autorin