Social-Media-Nutzung ist auch Thema der Erwachsenen

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Experte Florian Buschmann hält Mediennutzung für ein Thema der ganzen Gesellschaft

„Wie ist das bei euch zu Hause? Sind eure Eltern auch viel am Handy?“: In Workshops an Schulen stellt Florian Buschmann regelmäßig diese einfachen Fragen.

Und so gut wie immer bekommt der Experte für Medienkompetenz und Berater bei Mediensucht Antworten wie: „Ja klar, die hängen da den ganzen Tag dran.“ Zumeist folgt dann noch eine Beschwerde wie: „Und uns wollen sie das Chatten und Spielen verbieten.“

Buschmann kann diese Reaktion gut verstehen. Schließlich sollten Mütter und Väter Vorbilder sein – und das eben auch bei der Nutzung digitaler Medien. Mit seiner Präventionsinitiative OFFLINE HELDEN hat der Psychologe (B.A.) bereits über 1.500 Veranstaltungen an Schulen mit mehr als 50.000 Teilnehmern durchgeführt. Er will sie wieder an das analoge Leben gewöhnen, sie dafür begeistern – und dabei stellt er fest, dass die Erwachsenen häufig auch exzessiv Smartphone-Nutzer sind.

Mädchen und Jungen berichten, dass ihre Eltern beim Abendessen scrollen, auf TikTok im „Rabbit Hole“ verschwinden und Gespräche mit dem Satz „Warte kurz“ abbrechen. Ihre Kinder kämpfen um Aufmerksamkeit und die Mütter und Väter geben dem Handy den Vorrang. Sie könnten ja etwas verpassen, einen Post zu spät liken oder auch beim Gaming ins Hintertreffen geraten.

Social Media ist kein Generationen-Thema

Für Buschmann ist klar: „Die Debatte um Mediennutzung darf nicht länger so geführt werden, als sei sie lediglich ein Problem von Kindern und Jugendlichen.“

Es gehe vielmehr um die ganze Gesellschaft und nicht um einen Konflikt zwischen Jungen und Älteren. Zwar werde häufig von einer verlorenen Generation gesprochen, de facto aber sei jede Altersgruppe von Handysucht betroffen. „Vor allem Social Media und Online-Spiele sind so konzipiert, dass sie Menschen geradezu magnetisch anziehen und ebenso magnetisch festhalten“, sagt Buschmann.

Digitale Plattformen binden also keineswegs nur Kinder. Auch Erwachsene werden von den Algorithmen eingefangen, geraten in Endlosschleifen. Das passiert besonders häufig im Zusammenhang mit politischen oder stark emotionalisierten Inhalten.

Wer einmal in bestimmten Themenclustern lande, der werde immer tiefer hineingezogen, so Buschmann. Genau das bezeichnet der Begriff Rabbit Hole und das „verschluckt“ eben keineswegs nur unseren Nachwuchs.

Der Experte Buschmann beschreibt den Mechanismus so: „Zuerst meinen die Menschen, sich ja nur zu informieren. Das aber artet in Dauerbeschallung aus, es gibt kaum noch Differenzierung, dafür umso mehr Aggression.“ Das Ganze wirke wie eine Echokammer, die Gruppen weitaus effizienter trenne als die früher schon vorhandenen Meinungsblasen.

Erwachsene sind oft blind für ihr Verhalten

Natürlich seien Kinder schutzbedürftiger als Erwachsene, weil bei ihnen manche Funktionen des Gehirns noch nicht voll ausgebildet sind, erläutert Buschmann, um eine entscheidende Frage anzufügen: „Wie aber können Eltern das Nutzungsverhalten ihrer Kids glaubwürdig regulieren, wenn sie für ihr eigenes blind sind?“ Kinder seien sehr sensibel für diese Inkonsistenz – und das ist für Buschmann ein Grund, warum Verbote allein schlicht nicht funktionieren.

Regeln werden viel eher akzeptiert, wenn Erwachsene sie selbst einhalten. „Die Vorbildwirkung ist kein pädagogischer Nebensatz“, betont Buschmann.

„Sie ist die Grundlage jeder Medienerziehung.“ Die derzeit überall erwogenen Altersgrenzen, Plattformverbote und technischen Einschränkungen begrüßt der Experte, warnt jedoch vor einer Simplifizierung der Debatte. „Ohne Aufklärung und ohne Selbstreflexion der Erwachsenen werden wir das Problem nicht lösen.“

Und das wiederum betreffe alle Altersgruppen, wie Erkenntnisse aus der Medien- und Suchtforschung zeigen: Exzessiver Kurzvideo-Konsum steht in Zusammenhang mit reduzierter Kontrolle der Aufmerksamkeit, erhöhter Impulsivität und suchtähnlichen Mustern – nicht nur bei Jugendlichen.

Was aber lässt sich konkret dagegen tun? Buschmann leitet aus seiner Arbeit drei zentrale Punkte ab:

1. Medienkompetenz als Familienkompetenz verstehen

Nicht nur Kinder brauchen Aufklärung über die Wirkungsweise der Algorithmen, die Bedeutung der Dopamin-Ausschüttung und digitale Verstärkungsschleifen. Auch Erwachsene müssen verstehen, wie Plattformen wirken.

2. Vorbildwirkung ernst nehmen

Eltern sollten sich regelmäßig selbst fragen: „Wie oft unterbreche ich Gespräche wegen meines Smartphones?“, „Wie präsent bin ich wirklich?“. Kinder lernen weniger durch Regeln als durch gelebtes Verhalten.

3. Gesellschaftliche Verantwortung statt Schuldzuweisung

Die Debatte darf nicht in moralische Anklagen kippen. Es geht nicht darum, Eltern als „überfordert“ oder Jugendliche als „süchtig“ abzustempeln. Es geht darum, strukturelle Mechanismen zu erkennen – und gemeinsam gegenzusteuern.

Die Digitalisierung habe nicht nur eine Generation verändert, sondern unsere gesamte Kommunikationskultur, sagt Buschmann. „Wenn wir wollen, dass Kinder lernen, mit Medien gesund umzugehen, müssen wir es selbst vorleben“, sagt er. „Sonst diskutieren wir über Verbote – während wir selbst im nächsten Scroll-Loop verschwinden.“ Anders ausgedrückt: Die Verantwortung für einen echten Change beginnt bei den Erwachsenen.

Über Florian Buschmann

Florian Buschmann ist Psychologe (B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen.

Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.

 

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