Interview mit Daniel Bleckmann und Thomas Hussung zu den Koboldkroniken

Sehr geehrter Herr Daniel Bleckmann und sehr geehrter Herr Thomas Hussung,
was unterscheidet die KoboldKroniken von anderen Kinderbüchern?

Daniel Bleckmann: Wir haben von Anfang an eine sehr enge Verzahnung von Text und Bild angestrebt. Wir wollten keinen Comicroman, in dem nur kurze Szenen oder einzelne Schlagwörter mit Illustrationen gespiegelt werden oder bloß die Schriftarten variieren. In den KoboldKroniken erzählen wir manche Teile eines Kapitels zum Beispiel auch nur auf visueller Ebene weiter.

Zudem sorgen die zahlreichen Einklebungen von Indizien, Erinnerungen und Schnipseln aus Alltag und Schule (z. B. Fotos, Spickzettel, Fetzen von Arbeitsblättern, aber auch zertretende Bonbons, Schuppen von Kreaturen usw.) für einen sehr aufgelockerten Text. Als Lehrer weiß ich, inwieweit es um die Aufmerksamkeitsspanne der jungen Leser*innen bestellt ist, so dass wir hier kurze „snackbare“ Kapitel mit mindestens 50% Illu-Anteil anbieten.

Thomas Hussung: Darüber hinaus sind die KoboldKroniken kein Buch, das man nur 1x lesen kann.

Die Vielzahl an eingeklebten Schnipseln und Randkommentaren der Figuren sorgen für eine hohe Chance zum Wiederlesen.

Ich habe für dieses Buch in unterschiedlichen Stilen gearbeitet. Zum Beispiel habe ich farbige Illustrationen gestaltet, die die Fotos und Dinge darstellen sollen, die Dario, der Protagonist in das Buch einklebt.

Dann aber auch s/w Zeichnungen, die so wirken sollen, als hätte sie Dario selbst ins Buch reingekritzelt. Dabei habe ich versucht, sie so zu gestalten wie ein 12-jähriger, aber durchaus talentierter Zeichner das bewerkstelligen würde. Das erhöht hoffentlich das Identifikationspotential und unterstreicht auch nochmal den pseudo-dokumentarischen Charakter.

Daniel Bleckmann: Nicht zuletzt wollten wir das Buch von Anfang an mit anderen Medien verknüpfen, die Story also beispielsweise mit einer App oder einem Insta-Filter kombinieren. Dass dank des Oetinger Verlags jetzt so eine breite mediale Aufstellung existiert, haben wir uns natürlich nicht träumen lassen.

Bild Oetinger

Herr Bleckmann, Sie sind Lehrer. Inwiefern hat das die Geschichte beeinflusst?

Daniel Bleckmann: Ich erlebe im Schulalltag täglich so viele lustige, skurrile und unfassbare Situationen, dass es für mindestens zwei Dutzend Bücher Material gäbe.

Dabei sind es nicht nur die unterschiedlichen Schülertypen, die mich inspirieren, sondern auch die lieben Kolleg*innen und nicht zuletzt die Schulleitung, der Hausmeister, Mensa-Fachkräfte usw. Selbstverständlich sind die Ähnlichkeiten der handelnden Figuren (und Kreaturen) in den KoboldKroniken zu lebenden Personen reiner Zufall …

Außerdem schlummern in mir auch Episoden aus meiner eigenen Schülerzeit, die unbedingt noch einer Aufarbeitung bedürfen.

Wie muss man sich Ihre Zusammenarbeit vorstellen? Text und Bild sind ja sehr verzahnt.

Daniel Bleckmann: Wir telefonieren, chatten und sehen uns in Videocalls nahezu täglich und tauschen Textentwürfe, Skizzen oder auch nur einzelne Ideen über Server-Plattformen oder via Messenger aus. Meine Frau ist schon ein bisschen eifersüchtig, weil mein Redeanteil mit Thomas höher ist als die Gespräche mit ihr (lacht).

Uns war aber von vornherein klar, dass so ein Projekt nur durch sehr gute, das heißt offene und umfangreiche Absprachen funktionieren kann. Eine derart enge Zusammenarbeit zwischen Autor und Illustrator war auch für uns Neuland und findet in dieser Form vermutlich nur selten in der Verlagswelt statt.

So schworen wir uns zu Anfang ganz bewusst darauf ein, dass wir jederzeit und ganz offen sagen, wenn uns etwas an den Ideen, Texten oder Illustrationen des anderen partout nicht gefällt; und ja, selbstverständlich wird auch gelobt. Kreative sind ja oftmals eigensinnig und kleben an ihren Kreationen – dafür ist in den KoboldKroniken kein Platz.

Thomas Hussung: Interessant ist zudem, dass wir beide auf diese Weise viel stärker am Schaffensprozess des jeweils anderen teilhaben können. Wir glauben, das hebt den Prozess des visuellen Storytellings auf ein ganz anderes Level.

Konkret heißt das auch, dass wir von persönlichen Treffen, der täglichen Nutzung von Server- Plattformen bis hin zur Kommunikation über Messenger alle Möglichkeiten nutzen, um diesen Prozess voranzutreiben.

Wie ist die Idee zu den KoboldKroniken entstanden?

Daniel Bleckmann: Der Untertitel „Sie sind unter uns“ ist Programm. Denn wir können uns manche Erlebnisse und Situationen im Schulalltag nicht anders erklären, als dass hier Mächte aus der Anderswelt am Werke sind. Die Grundidee war demnach, dass das deutsche Schulsystem quasi seit Jahrzehnten von Kobolden, also diebischen, neckenden und lustigen Gestaltwandlern, unterwandert wird.

Im Sommer 2020, als der Lockdown und die verschiedenen Formen des HomeSchoolings ungeahnte neuronale Verknüpfungen in mir ausgelösten, war es dann so weit.

Bild Thomas Hussung

Thomas Hussung: Daniel hat mich angerufen und gefragt, ob ich „Bock auf Monster zeichnen“ hätte. Das war fast eine rhetorische Frage, denn besonders das Entwerfen von Kreaturen, verbunden mit einem großen Weltenbau, hat mir schon immer viel Freude bereitet.

Außerdem bot sich mir so die Chance, mal von Beginn an einer Geschichte mitzuarbeiten und sie zu formen. Den normalerweise kommt man als Illustrator erst ins Spiel, wenn die Welt, die Figuren, der Plot schon festgezurrt sind.

Was hat Ihnen beim Schreiben bzw. beim Illustrieren besonders viel Spaß gemacht?

Daniel Bleckmann: Ich habe beim Schreiben oftmals in mich hineingekichert, weil ich die geschilderten Schulsituationen so ähnlich direkt miterlebt habe. Zudem sehe ich es als großes Privileg, wenn die eigene Vorstellung, von beispielsweise einem völlig neuen Monster, durch Thomas umgehend visuell umgesetzt und damit zum Leben erweckt wird.

Thomas Hussung: Daniel hat seinen Text aber auch oftmals an meine Ideen angepasst. Generell geschieht also der Austausch immer in beide Richtungen. So bin ich manchmal ebenfalls Autor und Daniel steuert Skizzen zu Figuren bei. Oder fotografiert auch mal seine Socken, damit ich weiß, wie er sich die Toivel vorstellt.

Haben Sie einen Lieblingscharakter? Warum dieser?

Thomas Hussung: Von den Hauptfiguren mag ich Rumpel am meisten. Am meisten Spaß zu zeichnen, machen aber die vielen Monster aus Kwertz, weil man da keine Rücksicht auf ein sympathisches Aussehen nehmen muss und sich austoben kann.

Daniel Bleckmann: Ich mag die Charaktere alle, denn in jeder Figur, ob Schüler, Kreatur oder Lehrer, steckt auch immer ein bisschen von mir selbst; wie ich mal war, wie ich aktuell bin oder wie ich gerne sein möchte.

Haben Sie bestimmte Kinder vor Augen, die die KoboldKroniken lesen werden?

Daniel Bleckmann: Oh, da gibt es viele. Zum einen fallen mir spontan eine Menge eigener Schüler*innen ein. Interessanterweise stelle ich mir den typischen Leser aber männlich, ein bisschen nerdig und in Klasse 5 vor. Und er ist keine typische Leseratte. Meine Kinder haben die KoboldKroniken auch schon gelesen, obwohl zumindest eines noch gar nicht in der Zielgruppe ist.

Gibt es einen festen Ort, an dem Sie schreiben? Wie sieht Ihr „Schreiballtag“ aus?

Daniel Bleckmann: Ich schreibe am liebsten in meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch. Wenn ich nach links schaue, springen mir unzählige Concept-Arts von Thomas ins Auge, sie nehmen eine ganze Wand ein. Dazwischen kleben dann noch Zettel mit Deadlines des Verlags.

Ich kann aber grundsätzlich überall schreiben und arbeiten. Und da ich meinen Schreibkopf nie abstellen kann, arbeitet dieser zum Beispiel auch während Klausuraufsichten. Damit ich neben meinem Lehrerjob überhaupt Zeit finde, stehe ich morgens um 5 Uhr auf. Da schlafen meine Kinder
noch, der Rest der Welt auch und ich kann in Ruhe schreiben, bevor es dann zur Schule zur „Recherche“ geht.

Was inspiriert Sie beim Schreiben? (Menschen, Orte, Bücher)

Daniel Bleckmann: Ich ziehe meine Inspiration aus vielen Quellen: Ich höre Filmmusik (die läuft beim Schreiben immer), blättere gerne in ConceptArts-Büchern (zu Serien oder Videospielen) oder schaue häufig Making-ofs oder Filmtrailer.

Wie entstehen Ihre Illustrationen? Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus? (Handwerklich)

Thomas Hussung: Meine Illustrationen entstehen digital. Auch die Zeichnungen, die so aussehen als wären sie mit Bleistift skizziert, sind alle digital.

Ich wechsle dann immer zwischen den Programmen Procreate und Photoshop und den Geräten iPad und Surface Studio.

Wie sind Sie Illustrator geworden? Wer sind Ihre Vorbilder?

Thomas Hussung: Auch wenn es nie mein Plan war, Illustrator zu werden, war es doch eine logische Konsequenz. Ich kann mich jedenfalls an keine Zeit erinnern, in der ich gar nicht gezeichnet habe. Meine ersten Vorbilder waren Uderzo, Rolf Lidberg, John Howe und Alan Lee. Später dann auch
Arthur Rackham, Norman Rockwell, Frank Frazetta und Gris Grimly. Für die KoboldKroniken fand ich insbesondere die Werke von Paul Bonner sehr inspirierend.

Welche Bücher haben Sie als Kind/Jugendliche besonders gerne gelesen?

Daniel Bleckmann: Ich bin mit den „Fünf Freunden“ von Enid Blyton aufgewachsen. Die Abenteuerlust, die Geheimnisse alter Gemäuer oder verborgener Schmugglergänge faszinieren mich bis heute. Danach gab’s eine große Karl-May-Phase, also auch wieder Abenteuerliteratur. Und dann kam die Fantasy mit Tolkien und Geschichten aus den Dungeons&Dragons-Welten, die ich dann als Paper&Pen-Rollenspieler auch selbst bereist habe.

Ach ja, zwischendurch habe ich alle Asterix, Lucky Luke und viele weitere Comicbücher aus der Stadtbibliothek mitgenommen, die ich auf einmal mitnehmen durfte.

Thomas Hussung: Ich habe als Kind alles gelesen, was mir in die Hände geraten ist. Den Weg zu Fantasy habe ich durch den Wandschrank von Narnia gefunden. Danach dann Hobbit, Herr der Ringe und natürlich Harry Potter. Mehrmals Harry Potter – manchmal direkt hintereinander, um die Zeit zum nächsten Band zu verkürzen.

Aber auch Nacherzählungen von alten Göttern und Heldensagen hatten es mir angetan. Der trojanische Krieg und die Odyssee, illustriert von Alan Lee waren die ersten Bücher, bei denen ich bewusst den Beruf des Illustrators wahrgenommen habe.

Ansonsten kam die Inspiration zum Zeichnen vor allem durch Comics. Hauptsächlich Asterix.

Quelle Oetinger Verlag

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