Interview mit Andrea Josefa Brinker und Sonja Steinbock

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Sehr geehrte Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock,
Am 21. September ist Welt-Alzheimertag. Weltweit sind mehr als 50 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen, zwei Drittel davon in Entwicklungsländern.

Seit 1994 finden am 21. September in aller Welt vielfältige Aktivitäten statt, um die Öffentlichkeit auf die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen aufmerksam zu machen. Andrea Josefa Brinker und Sonja Steinbock sind die Projektinitiatorinnen zu „KIDZELN“ (Kindern Demenz erklären), einem Projekt der Alzheimer Gesellschaft im Kreis Warendorf e.V. mit Vorbildcharakter.

Die Redaktion: Warum ist es wichtig, Kindern Demenz zu erklären?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock: In unserer heutigen Gesellschaft ist es eher die Ausnahme als die Regel, dass Kinder mit ihren Großeltern oder Urgroßeltern unter einem Dach leben. Häufig leben sie in anderen Städten und haben natürlich seltener Kontakt miteinander als das der Fall ist, wenn man zusammenwohnt. Sind sich die verschiedenen Generationen räumlich nahe und die Großeltern erkranken an einer Form von Demenz, so wachsen die Kinder in diese Situation hinein.

Sie haben meistens eine gute Intuition bezüglich des Umgangs mit ihren Großeltern, weil sie sie gut kennen. Viele Kinder wohnen jedoch weit entfernt. Dadurch ist der Kontakt nicht so intensiv und verändertes Verhalten der Großeltern wirkt möglicherweise befremdlich auf die Kinder. Gleichzeitig gibt es viele intergenerative Projekte, in denen Kindergärten Einrichtungen der Altenhilfe besuchen.

Dort leben häufig Menschen mit Demenz. Um den Kindern die Freude und Neugier am Kontakt mit anderen Generationen zu erhalten, ist es wichtig, ihnen Wissen zu vermitteln, warum sich manche Menschen möglicherweise seltsam verhalten. Verständnis schafft Sicherheit!

Die Redaktion: Wie ist Ihr Projekt aufgebaut und was sind die Ziele?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock: Wir als KIDZELN-Initiatorinnen haben eine Spielmodulreihe für Kinder im Kindergartenalter entwickelt. Übergeordnetes Ziel ist es, eine wertschätzende Haltung gegenüber Menschen mit Demenz zu entwickeln, gekoppelt mit einer fähigkeitsorientierten Sichtweise den betroffenen Personen gegenüber. Ausgearbeitete Ablaufpläne, Bilder, Fotos und Liedmaterial helfen Erzieher:innen und Mitarbeiter:innen im Altenhilfebereich, sich der Thematik kindgerecht zu nähern.

Das Material unterstützt sie in der qualifizierten Vor- und Nachbereitung der intergenerativen Projekte sowie der Begleitung der Kinder. Zur Vertiefung können Begleiter:innen KIDZELN-Qualifizierungsseminare besuchen. Diese werden ausschließlich von den Initiatorinnen selbst durchgeführt.

Die Redaktion: Mit Ihrem Projekt wollen Sie u.a. bewirken, dass „Anderssein“ durch Demenz von der heranwachsenden Generation als normal betrachtet wird. Wie entstand dieser Wunsch?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock Viele Konflikte in unserer Gesellschaft würde es gar nicht geben, könnten wir alle Menschen, die anders sind als wir, einfach so akzeptieren und annehmen, wie sie sind. Eigentlich ist es doch ganz normal, anders zu sein. Jede:r ist anders als der Andere. Wir wünschen uns, dass Menschen mit Demenz in die Gemeinschaft integriert werden oder bleiben, dass man hinschaut und die Person sieht, die eine Demenz hat und nicht (nur) die Krankheit.

Die Redaktion: An welche Momente denken Sie besonders gern zurück, seit Beginn des Projekts?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock Besonders sind immer die Momente, wenn die Multiplikator:innen unseres Projektes von ihren gemeinsamen intergenerativen Initiativen berichten. Wenn wir sehen, wie viel Freude es ihnen bereitet, dass Altenhilfe und Kinderpädagog:innen zusammenarbeiten, wie viel Kreativität vorhanden ist und welche tollen Ergebnisse und Erlebnisse durch KIDZELN möglich werden.

Wenn wir von Momenten erfahren, wo es zu Bindungen und Kontakten von Herz zu Herz zwischen Menschen mit Demenz und Kindern gekommen ist. Das sind unsere Lichtmomente!

Die Redaktion Worin liegen die Herausforderungen, Kindern Demenz zu erklären?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock Unserer Ansicht nach, besteht die größte Herausforderung für Eltern und Erzieher:innen darin, sich selbst mit der Thematik zu beschäftigen, die eigene Haltung gegenüber Menschen mit Demenz zu überprüfen und möglicherweise auch zu ändern.

Die Menschen neigen dazu, Dinge, vor denen sie selbst Angst haben, zu verdrängen. Solche Berührungsängste übertragen sich schnell unbewusst auf die Kinder, was diese wiederum verunsichern kann. Für Pflege- und Betreuungsmitarbeiter:innen ist die größte Herausforderung, sich sozusagen zu re-sensibilisieren.

Wir empfehlen ihnen, immer mal wieder mit Kinderaugen durch die eigene Einrichtung zu gehen. Plötzlich erscheinen ihnen Geräusche, Gerüche und vieles mehr in einem ganz anderen Licht.

Die Redaktion Welche Rolle spielen dabei professionelle Multiplikator:innen aus dem pflegerischen, pädagogischen oder Selbsthilfebereich?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock Die Multiplikator:innen haben viele Rollen. Sie bereiten die Kinder auf Besuche in den Einrichtungen der Altenhilfe vor, sie sind währenddessen Begleiter:innen der Kinder, sie sind Fragenbeantworter:innen nach den Besuchen und sie transportieren die KIDZELN Botschaft an die Familien der Kinder. Sie geben den Kindern und den Eltern Sicherheit im Kontakt mit Menschen mit Demenz. Weiterhin sind sie im besten Fall ein multiprofessionelles Team aus den Bereichen der Kinderpädagogik und Altenhilfe, das konstruktiv zusammenarbeitet.

Die Redaktion Wie kann ein Bilderbuch hierbei helfen?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Bilderbücher unterstützen Erwachsene dabei, Kindern schwierige Sachverhalte sowie Gefühle, Gedanken und Worte verständlich darzulegen.

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Die Redaktion Was gefällt Ihnen besonders gut an „Dich vergesse ich nie“?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock Die Zeichnungen im Buch „Dich vergesse ich nie“ sind wunderbar freundlich erstellt. Es macht Freude, sich die vielen kleinen und großen Details anzuschauen. Es lädt zum gemeinsamen Betrachten und Vertiefen ein. Besonders gefällt uns die Idee des „Zuhauses der Erinnerungen“. Es symbolisiert, dass die Erinnerungen da sind und sich nicht aufgelöst haben.

Positive Gefühle werden sofort wieder wach, sobald die Oma ihre Erinnerungen an die schönen Momente wieder findet. Amelies Idee, ein Erinnerungsbuch zu erstellen, ist ebenso eine schöne Hilfestellung für Kinder und Eltern. Erinnerungsbücher unterstützen Menschen mit Demenz sehr und sind immer eine schöne Gelegenheit, sich gemeinsam wieder an vermeintlich vergessene Momente zu erinnern, sich zu unterhalten und sich zu orientieren.

Die Redaktion Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft in Bezug auf Ihr Projekt?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock Wir wünschen uns noch viel mehr KIDZELN Einrichtungen, die Herzens-Begegnungen zwischen den Generationen ermöglichen und hoffen, dass dies nun bald auch endlich wieder „leicht“ möglich sein wird! Unsere Vision ist es das, KIDZELN Material mit unseren Multiplikator:innen kontinuierlich weiter zu entwickeln und unser Konzept um Materialien mit Ideen intergenerativer Treffen zu erweitern.

Die Redaktion Welche Botschaft haben Sie an Personen, die sich noch wenig bis gar nicht mit Demenz beschäftigt haben?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock Menschen mit Demenz sind und bleiben in erster Linie Menschen. Gefühle werden nicht demenzkrank. Menschen mit Demenz brauchen Zeit und Präsenz der Personen, die sich um sie kümmern. Begegnet man Menschen mit Demenz mit Akzeptanz, Empathie und Kongruenz können sie sich trotz ihrer Erkrankung wohl fühlen.

Damit dies gelingen kann, brauchen Angehörige Entlastung durch weitere helfende Hände wie andere Familienmitglieder, Nachbar:innen, Freund:innen und beruflich Pflegende.

Die Redaktion Wo finden Betroffene und Angehörige Unterstützung?

Frau Andrea Josefa Brinker und Frau Sonja Steinbock Empfehlenswert ist es, Kontakt zu regionalen Alzheimer Gesellschaften aufzunehmen. Als Ratsuchende:r findet man diese bundesweit in vielen Kreisen und kreisfreien Städten. Diese bieten Informationen zum Krankheitsbild, Beratung für an Demenz erkrankte Menschen und ihre Angehörigen und bieten und / oder kennen weitere regionale Unterstützungsmöglichkeiten, wie z.B. Angehörigengesprächskreise oder auch tagesstrukturierende Angebote.

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