Interview mit Katharina Herzog zu „Finsterwelt“

©Lilly Marie Photography

Sehr geehrte Frau Herzog,
Was war zuerst da, das Froschkönigs-Mädchen Leonie oder die „Finsterwelt“? Wie sind diese Ideen zu Ihnen gekommen?

Katharina Herzog: Das erste war ein Satz: Es ist kein Zuckerschlecken auf eine Schule für die Nachfahren aus berühmten Märchenfamilien zu gehen, wenn du selbst vom Froschkönig abstammst. Es war also das Froschkönig-Mädchen.

Ihre Protagonistin Leonie ist eine mutige, kämpferische Kratzbürste mit weichem Kern, die im Stillen um den Tod ihrer Mutter trauert. Wie viel hat das Mädchen mit Ihnen selbst zu tun?

Katharina Herzog: Mit 12 war ich Leonie schon sehr ähnlich. Meine Unsicherheit und Empfindsamkeit habe ich unter einer gewissen Kratzbürstigkeit versteckt, und ich habe mich viel mehr wie ein Frosch gefühlt als wie eine Prinzessin.

Leonie ist alles andere als eine glatte Heldin. Sie schießt oft übers Ziel hinaus. Z. B. schüttet sie ihrem Mitschüler heiße Suppe über den Schoß oder pfeffert ihm einen Ball mitten ins Gesicht, wenn sie glaubt, dass ihr eine peinliche Enthüllung droht.

Warum haben Sie sie so ungestüm gezeichnet?

Katharina Herzog: Ich sehe Leonie eher als ein burschikoses Mädchen als ein zartes Pflänzchen. Eine, die anpackt, die nicht viel Worte macht. Solche Figuren mit Ecken und Kanten mag ich viel lieber als glatte, auch wenn sie bei Leser*innen vielleicht durch ihre Unbeherrschtheit und Makel polarisieren.

Leonie kann sich nicht gut mit ihrer Herkunft abfinden. Eine wichtige Aussage des Buches ist: „Deine Herkunft entscheidet überhaupt nicht darüber, wer du bist“. Das sagt Tristan zu Leonie und sie ist ihm dafür sehr dankbar. Wie wichtig ist dieser Satz für Sie und was möchten Sie Ihren Leser*innen mit ihrer Geschichte darüber hinaus mitgeben?

Katharina Herzog: Genau das. Egal woher du kommst: Nimm dein Leben in die Hand und verwirkliche deine Träume! Auch wenn ich nicht so naiv bin, zu glauben, dass alle im Leben die gleichen Chancen haben und allein Fleiß und Wille darüber entscheiden, was uns im Leben gelingt. Aber tatsächlich bin ich fest davon überzeugt, dass wir durch unsere Taten und Einstellungen viel mehr beeinflussen als uns wirklich nur willkürlich geschieht.

Einen weiteren wichtigen Spruch liest Leonie bei einem Besuch bei Martha, einer Nachfahrin der berühmten Märchenerzählerin Dorothea Viehmann.

„Du kannst nicht alles sein, was du willst, aber du kannst alles sein, was du bist.“ Was genau soll das Leonie und Ihren Leser*innen sagen?

Katharina Herzog: Dieser Satz ist vermutlich mehr für die Erwachsenen als für jugendliche Leser*innen, denn er ist ja schon sehr philosophisch. Auch Leonie versteht ihn in der Geschichte ja nicht. Grundsätzlich fordere ich mit diesem Satz aber auf, ein bisschen Detektiv zu spielen und sich Gedanken darüber zu machen: Wieso bin ich auf der Welt? Wer/wie möchte ich sein?

Was kann ich geben? Was möchte ich erreichen? All das fragt sich Martha, deshalb hängt er auch an ihrer Wand.

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Wurde Martha nur wegen dieser Zeilen in die Geschichte eingeführt? Oder kommt sie im nächsten Band groß raus?

Katharina Herzog: Im nächsten Band hat sie eine größere Rolle. Er beginnt sogar im Prolog mit ihr, und Leser*innen erfahren, dass Martha viel mehr ist als nur die Nachfahrin von Dorothea Viehmann und dass sie ein Geheimnis/eine Last mit sich herumträgt.

Opus factum est! (Es ist vollbracht) sind magische Worte in ihrer Geschichte. Was bedeutet das für Sie? Bedeuten diese Worte etwas Besonderes für Sie? Benutzen Sie sie in ihrem Alltag? Hatten Sie Latein in der Schule?

Katharina Herzog: Ich habe Latein im Deutschstudium nachgelernt, in der Schule hatte ich Französisch. Der Satz hat keine Bedeutung für mich.

Man merkt beim Lesen wie viel Spaß Sie beim Kreieren Ihres Personals hatten. Marle, aus dem Rotkäppchen-Geschlecht mit ihrer genetisch vorprogrammierten Wolfs/Hunde-Phobie, Hans (im Glück), der unter Tauschsucht leidet oder Rosa, die blitzartig einschläft, da sie von Dornröschen abstammt.

Wie viel schöne Ideen von Ihnen sind auf der Strecke geblieben, weil sie nicht in die Geschichte passten? Kommen die in die nächsten Bände? Mögen Sie schon ein paar verraten?

Katharina Herzog: Sie kommen alle in den nächsten Bänden. Nur bei der Entführung Tristans (aufgrund seiner bisher noch geheimen Fähigkeit basierend auf seiner Herkunft) weiß ich nicht, ob ich die in Band 3 noch unterkriege.

Es wird aber zum Beispiel eine Internationale Märchenmeisterschaft geben, bei denen sich die Schüler*innen der Dornröschen-Schule mit denen anderer Schulen in magischen Disziplinen messen, um den Märchenkosmos auch auf andere Länder auszuweiten. Und auch in der Zeit werden die Kinder in Band 3 mit Hilfe einer magischen Taschenuhr zurückreisen.

Außerdem werden die Leser*innen noch eine Menge anderer toller Figuren kennenlernen – und die bisher bekannten noch ein bisschen besser. Es sind nämlich eine ganze Menge nicht das, was sie scheinen, zum Beispiel Dornröschen Rosa und Schneewittchen Blanche.

Als Leser*in hat man Spaß an den Unzulänglichkeiten der Figuren, aber Leonie ist nicht glücklich, wenn sie sich in einen Frosch verwandelt. Kann man das Märchen-Erbe mit den Unzulänglichkeiten von Teenagern, wie z. B. rot werden vergleichen?

Katharina Herzog: Ja, absolut. Sich nicht wohl in seiner Haut fühlen, ist ja typisch für die Zeit des Heranwachsens. In meiner Geschichte haben alle ein Handicap, auch die vermeintlich „coolen“ Kids, unter dem sie leiden. Und sogar die Erwachsenen wie Dr. Finzi.

Sind Sie mit Märchen groß geworden?

Katharina Herzog: Ja, ich habe Märchen schon immer geliebt. Die Botschaft, dass am Ende alles gut wird, habe ich schon immer als sehr tröstlich empfunden.

Wenn ja, welches ist ihr Lieblingsmärchen?

Katharina Herzog: Bei Disney: Rapunzel – Neu verföhnt! Ich liebe diese emanzipierte Heldin. Überhaupt sind die Frauenrollen, gemessen an der Zeit, in der die Geschichten entstanden sind, überraschend emanzipiert, die Männer sind ja oft nur Beiwerk.

Bei Grimm: Sterntaler. Die Vorstellung, dass man für gute Taten belohnt wird, und das auch noch mit Sternen, ist magisch. In Band 2 wird es deshalb bei der letzten magischen Prüfung auch Sterne regnen, die die Kinder einsammeln müssen.

Für ein Märchen gehört es sich doch nun aber, dass am Ende alles gut wird und „sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage“. Was hat sie an der „Finsterwelt“ gereizt?

Katharina Herzog: Mich hat eher die Figur des dritten Grimm-Bruders gereizt.

Interessanterweise hatte ich die, bevor ich durch Recherchieren herausgefunden habe, dass es mit Ferdinand Grimm wirklich einen dritten Bruder gab, der als das schwarze Schaf in der Familie angesehen und der sogar selbst Märchen geschrieben habe. Ich kann es nach wie vor selbst kaum glauben, und ich denke, das war Schicksal .

Bild Dressler

Wie kam es dazu, dass der unbekannte Grimm-Bruder Ferdinand eine so unglückliche Rolle in ihrem Buch übernommen hat und Autor des bösen Märchenbuches „Finsterwelt“ ist? Ist da etwas dran?

Katharina Herzog: Wie oben erwähnt ja. Allerdings war Ferdinand Grimm nicht böse, er wurde von Zeitzeugen sogar als sehr freundlich, lustig und jovial bezeichnet. Jemand, der unter die Leute ging, anstatt wie seine Brüder nur im Studierzimmer zu sitzen.

Er war es auch, der auf seinen Wanderungen viele Märchen erzählt bekommen und sie an sie weitergegeben hat. Entlohnt wurde er dafür nur mit abgelegener Kleidung, und er starb krank und einsam im Kloster.

Der Grund für den Ausschluss aus der Familie waren aber nicht seine Märchen. Seinen Brüdern hat es nicht gepasst, dass er homosexuell war – eine Eröffnung, die er der Familie ausgerechnet am Heiligen Abend machte. Seine Märchen waren übrigens tatsächlich düsterer und die Figuren nicht schwarz oder weiß, wenn man der Fachliteratur glauben darf.

Das „echte“ Dornröschenschloss heißt Sababurg und liegt im Reinhardswald. Sind Sie dort gewesen?

Katharina Herzog: Ja, aber das ist leider schon eine ganze Zeitlang her. Ich hoffe, im Sommer noch einmal all die Schauplätze an der deutschen Märchenstraße bereisen zu können.

In Ihrem Buch heißt das Dornröschenschloss Schloss Rosenfels und liegt im Finsterwald. Immenhausen, dem die Kinder einen Besuch abstatten, liegt um die Ecke. Steinau an der Straße besuchen sie ebenfalls. Mit dem Auto braucht man gut zwei Stunden vom Schloss aus.

Wie viel Teppichflugstunden waren die Kinder wohl unterwegs?

Katharina Herzog: Das geht ruckzuck. Mehr als 30 Minuten sind sie sicher nicht geflogen.

Von der ersten Idee bis zum letzten Satz, wie lange hat die Entstehung ihres Buches gedauert?

Katharina Herzog: Zwei Jahre.

Wie viel Zeit ging für Recherchen und Reisen dabei drauf? Und wo waren Sie überall? Gibt es Orte, die Sie veranlasst haben, die Geschichte ganz anders als geplant zu erzählen?

Katharina Herzog: Ich habe sicher ein Jahr lang immer mal recherchiert und an dem Konzept gearbeitet, bevor ich mit dem eigentlichen Schreiben angefangen habe. Die Schauplätze habe ich wie oben erwähnt ja leider schon vor langer Zeit gesehen.

Das Ende des Buches ist nicht das Ende. Man ahnt, dass es weitergehen muss, denn der Böse, von dem Gothel und Isegrim als ihren Herren sprechen, ist nicht mal identifiziert. Er hat es nach wie vor auf das Buch abgesehen, oder? Und wer ist ER überhaupt? Wird das im zweiten Band verraten?

Katharina Herzog: Nein, erst im dritten Band. Aber ER wird wieder einen Helfer haben. Nach Hans, der ja eher unfreiwillig dazu wurde, ist dieser Helfer viel mächtiger und machthungriger. Die Figur ist in Band 1 bereits eingeführt worden, und ich hoffe, dass ich Leser*innen bei der Enthüllung beider Bösewichte eine Überraschung bereite.

Im ersten Band muss man es so hinnehmen, dass „Das verbotene Buch“ eine besondere Beziehung zu Leonie hat. Wird denn das Geheimnis, warum das so ist, im zweiten Band gelüftet? Und werden wir dann endlich auch erfahren, von welcher Märchen-Familie Tristan abstammt?

Katharina Herzog: Auch das wird alles erst im dritten und letzten Band enthüllt. Es warten noch sehr sehr viele Überraschungen auf die Leser*innen, mit denen sie garantiert nicht rechnen.

Was können Sie außer, dass die Märchen Meisterschaften stattfinden werden in Band 2, noch verraten?

Katharina Herzog: Figuren, die bisher nur eine Nebenrolle hatten, rücken mehr ins Zentrum. Rosa, Blanche und Hugo (der Zwillingsbruder von Greta) zum Beispiel. Aber auch über Martha und Dr. Finzi erfahren wir mehr.

Sie haben schon viele Bücher für Erwachsene geschrieben, u. a. sehr erfolgreiche Liebesgeschichten. Das ist Ihr erstes Kinderbuch. Aber auch hier knistert es heftig zwischen den beiden Hauptfiguren. Gab es beim Schreiben besondere Herausforderungen? Was war anders und was hat Sie daran gereizt?

Katharina Herzog: Ich hätte es als Liebesromanautorin ehrlich gesagt gerne noch mehr knistern lassen, aber die funkensprühenden Sätze fielen dem Lektorat zum Opfer. Das war tatsächlich eine kleine Herausforderung, mich in dieser Hinsicht so zurücknehmen zu müssen. Ich hoffe aber
sehr auf einen Kuss in Band 3.

Was ich am meisten an Kinderbüchern mag, ist, dass ich hier meine humorvolle Seite ausleben darf. Und an der Fantastik mag ich, dass ich mir meine Welt à la Pippi Langstrumpf genauso erschaffen kann, wie ich will. Diese literarische Figur war übrigens schon immer eine meiner allerliebsten. Und so ein kleines bisschen ähnelt Leonie ihr auch, oder?

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Quelle Dressler

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Das Magazin wurde im Mai 2016 gestartet, trotzdem kommen wir selber auf fast 15 Jahre Spielerfahrungen zurückblicken.