Interview mit Sabine Ludwig zu den Miss Braitwhistle-Büchern

Bild ©Andreas Eisenhart

Sehr geehrte Frau Sabine Ludwig,
Drei Jahre ist es her, dass der letzte Miss Braitwhistle-Band, „Klassenreise mit Miss Braitwhistle“ erschienen ist. Wie kam es jetzt zu dem neuen Band „Miss Braitwhistle startet durch“?

Sabine Ludwig: In den vergangenen zwei Jahren, in denen viele Kinder am Schulunterricht nur online teilnehmen konnten, haben sich viele Klassen zu meiner großen Freude mit Miss Braitwhistle beschäftigt. Sie haben kleine Hörspiele gemacht, Schuhkartontheater gebaut und die Geschichten einfach weitererzählt. Ich habe Video-Interviews gegeben, Briefe bekommen und natürlich beantwortet, es war einfach unglaublich.

Viele LehrerInnen haben mir gesagt, dass sie ganz bewusst Miss Braitwhistle als Klassenlektüre ausgewählt haben, weil die Bücher so viel Spaß machen und die Kinder von der alles andere als lustigen Situation ablenken. Und immer wieder kam der Wunsch, es möge bitte, bitte einen neuen Band geben. Und dem bin ich dann nachgekommen.

Die Redaktion: Wie war es, wieder in den Miss Braitwhistle-Kosmos einzusteigen?

Sabine Ludwig: Leichter, als ich dachte. Kaum hatte ich den ersten Satz geschrieben, war ich wieder drin in der Welt von Franz und Aki. Schwieriger war da schon, etwas zu finden, das in den vorherigen fünf Bänden noch kein Thema war. Eigentlich hatte die 4a ja bereits alles erlebt, was in einer vierten Klasse so ansteht: Radfahrprüfung, Wandertag, Schulaufführung, Klassenfahrt.

Und dann bekam ich eine Schülerzeitung in die Hand und wusste, genau das ist es. Die 4a, die es ja nicht so mit dem Schreiben hat, soll im Rahmen einer Projektwoche genau das zustande bringen: eine Schülerzeitung. Klar, dass das nur schief gehen kann.

Die Redaktion: Diesmal beginnt die Geschichte mit den Sätzen „Ich mag Aki. Er ist mein bester Freund.“ Wir erfahren im Rückblick von einer Projektwoche mit Miss Braitwhistle, in der die Kinder sogar in die Südsee fliegen. Welche Szene hat Ihnen beim Schreiben besonders Spaß gemacht?

Sabine Ludwig: Ich glaube die Szene mit dem Typen, der ein Krokodilfutter auf den Markt bringen will, hat mir besonders gut gefallen, die ist so schön absurd.

Die Redaktion: Wie immer geht in der Klasse 4A einiges schief, aber Miss Braitwhistle findet immer eine Lösung. Sollten wir alle mit Misserfolgen anders umgehen, z.B. kreativ und humorvoll statt frustriert?

Sabine Ludwig: Ja, das sollten wir! Wobei ich zugeben muss, dass mir das selber im ersten Moment sehr schwerfällt. Wenn mir etwas misslingt, bin ich ziemlich sauer und frustriert, aber nach einiger Zeit sehe ich das Komische darin und kann über mich selbst lachen.

Die Redaktion: Die ganze „Miss Braitwhistle-Reihe“ wurde einem Relaunch unterzogen und auch die ersten fünf Bände von Andrea Stegmaier neu illustriert. Wie gefällt Ihnen die neue Miss Braitwhistle?

Sabine Ludwig: Die ursprünglichen Cover und Illustrationen von Susanne Göhlich habe ich sehr geliebt, aber im Laufe der Jahre bei Lesungen gemerkt, dass sie etwas zu „jung“ rüberkamen. Heute sind Viertklässler, was ihren Geschmack betrifft, einfach älter als noch vor elf Jahren, als der erste Band erschien. Zielgruppe und Illustrationen klafften auseinander.

Andrea Stegmaier hat der ganzen Reihe einen frischen und frechen Anstrich verliehen, von dem ich sicher bin, dass er auch bei den Leserinnen und Lesern sehr gut ankommt.

Copyright: Dressler, Andrea Stegmaier

Die Redaktion: Die Idee zu „Aufruhr im Schlaraffenland“ hatten Sie, nachdem Sie mit einer jungen Buchhändlerin quasi im Nirgendwo gelandet sind, weil deren Navigationsgerät unsinnige Anweisungen gegeben hatte. Was war der Auslöser für Miss Braitwhistle?

Sabine Ludwig: Ich war zu einer Lesung in eine Schule eingeladen, in der am nächsten Tag der Schulinspektor erwartet wurde. Die ganze Schule stand Kopf. Es blitzte und blinkte nur so vor Sauberkeit. Schilder wurden angebracht, auf denen Toiletten, Lehrerzimmer etc. ausgeschildert waren. Ein Junge schlurfte den Gang entlang und biss in eine Butterstulle.

Da schrie der Hausmeister: „Du kannst hier doch nicht essen! Nachher fällt was runter und der Inspektor rutscht drauf aus.“ Das hat mich sehr amüsiert und schon war die Idee für ein neues Buch da.

Die Redaktion: Miss Braitwhistle erinnert an Mary Poppins. Was verbinden Sie mit Mary Poppins?

Sabine Ludwig: Mary Poppins war meine absolute Lieblingsfigur, als ich Kind war. Gefallen hat mir vor allem, dass sie einerseits so streng und eitel und oft auch richtig zickig war, andererseits passierten mit ihr zusammen immer die zauberhaftesten Geschichten. Aber wehe, man sprach sie hinterher darauf an, da rümpfte sie nur die Nase. Natürlich hat Mary Poppins für Miss Braitwhistle Pate gestanden.

Die Redaktion: Sie schreiben Geschichten, die sehr genau unseren Alltag beobachten und ihn aufs Korn nehmen. Diese Geschichten haben aber immer auch einen magischen Moment – Miss Braitwhistle kann zaubern oder auch nicht, letztlich bleibt das offen. Was reizt Sie an dem magischen Moment?

Sabine Ludwig: Ich habe ja schon oft betont, dass ich mit Fantasy absolut gar nichts am Hut habe, trotzdem gibt es in fast allen meinen Büchern diesen kleinen magischen Moment, der aber die Figuren nie aus dem Alltag heraushebt, ganz im Gegenteil. Die Prise Magie lässt die Absurditäten des täglichen Lebens nur noch schärfer hervortreten.

Wenn z. B. Felix seine Lehrerin schrumpft, dann hat er damit ganz reale Probleme. Er muss sich überlegen, was und wie er ihr etwas zu essen gibt, wo sie aufs Klo geht usw.

Die Redaktion: „Hilfe, ich hab meiner Lehrerin geschrumpft“ ist auch eine Schulgeschichte – was ist anders bei Miss Braitwhistle?

Sabine Ludwig: Erst einmal richtet sich Miss Braitwhistle an etwas jüngere Kinder und anders als Felix haben die kindlichen Protagonisten hier auch keine wirklichen Probleme. Das Ganze ist viel leichter, weniger ernst. Aber in beiden Büchern – wie in all meinen Büchern – geht es mir darum, am Ende die Kinder als Sieger aus der Geschichte herausgehen zu lassen.

Die Redaktion: Wie schon „Die fabelhafte Miss Braitwhistle“ beginnt „Miss Braitwhistle kommt in Fahrt“ mit dem Satz: „Ich mag unsere Schule, obwohl sie schon ganz alt ist.“ – und tatsächlich haben die Kinder in dieser Schule jede Menge Spaß. Haben Sie Ihre Traumschule beschrieben? Die Methoden von Miss Braitwhistle sind sehr unkonventionell.

Sabine Ludwig: Unkonventionell ja, aber trotzdem nicht weniger effektiv. Die Kinder lernen sehr viel bei und von ihr. Und nachhaltig etwas lernen kann man nur, wenn man keine Angst vor seinen Lehrern haben muss. Ich habe früher in der Schule sehr viel Angst gehabt. Eine Lehrerin wie Miss Braitwhistle wäre natürlich ein Traum gewesen.

Copyright: Dressler, Andrea Stegmaier

Die Redaktion: Welche Ihrer Erfahrungen aus Ihrer Zeit als Lehrerin sind in die Braitwhistle-Bücher eingeflossen?

Sabine Ludwig: Meine Zeit als Lehrerin war ja superkurz, gerade mal ein Jahr, und dazu war ich noch an dem Gymnasium, an dem ich selber Abitur gemacht habe.

Aber wie bei Miss Braitwhistle hatte ich es damals auch mit zwei Parallelklassen zu tun, der A- und der B-Klasse. Die A-Klasse war unmöglich, jeden Tag haben sich die Schüler etwas anderes ausgedacht, um mich zu provozieren, einmal brannte sogar das Klassenbuch. Die B-Klasse hingegen war brav und – langweilig. Meine „schrecklichen“ Schüler hingegen hab ich sehr gemocht und ich glaube, sie mich auch.

Die Redaktion: Man spürt beim Lesen, dass Sie ganz in die Perspektive der Kinder eintauchen. Wie finden Sie dazu den Zugang?

Sabine Ludwig: Anders, als man vielleicht glauben möchte, nicht etwa durch Umgang mit der, sondern indem ich mich in die Kinder hineinversetze. Das gelingt mir, weil ich innerlich Kind geblieben bin. Ich ertappe mich heute noch bei dem Gedanken: „später, wenn ich mal groß bin, dann …“

An meinem zehnten Geburtstag habe ich bitterlich geweint, weil ich mir so schrecklich alt vorkam, und mir gewünscht, niemals erwachsen zu werden. Dieser Wunsch ist – zumindest was das Schreiben für Kinder betrifft – in Erfüllung gegangen.

Die Redaktion: Sie haben einmal gesagt, dass ein komisches Buch viel schwieriger zu schreiben sei als ein trauriges. Woran liegt das?

Sabine Ludwig: Vielleicht daran, weil jeder über etwas anderes lacht. Und der Humor von Kindern ist natürlich auch ein anderer als der von Erwachsenen. Sie lieben die direkte Komik, also die Torte, die jemandem ins Gesicht klatscht. Ich hab’s gern subtiler, merke aber, dass das nicht immer verstanden wird.

So ist das beim Schreiben immer eine Gratwanderung zwischen dem Slapstick-Humor von Dick und Doof beispielsweise und der feinen Ironie eines Loriot. Letzteren verehre ich übrigens sehr und nenne ihn immer, wenn die Kinder mich nach meinem Vorbild fragen.

Die Redaktion: Wir sind ein Familienspielmagazin und versuchen Erwachsene dazu zu bewegen, mit ihren Kindern zu spielen, weil dies für die kindliche Entwicklung wichtig ist. Was wurde bei Ihnen zu Hause gespielt?

Sabine Ludwig: Wir hatten nur zwei Spiele zuhause. Das eine war Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, das ich gar nicht oft genug spielen konnte.

Das zweite war ein Denk-Fix von Anno Pief, wo die einzelnen Karten schon nicht mehr richtig leserlich waren. Zu den Karten mit Fragen gab es eine Drehscheibe mit Buchstaben und wenn man das Pech hatte, auf einem X zu landen, dann musste die Antwort auf die Frage „Was isst du am liebsten?“ mit X beginnen und die Zeit wurde gestoppt. Ich weiß gar nicht, ob es das Spiel noch gibt.

Die Redaktion: Was war Ihnen dabei wichtig, wenn Sie mit Ihren Eltern oder Geschwistern
gespielt haben?

Sabine Ludwig: Am liebsten gespielt habe ich mit meinem Vater. Wir hatten eine Modelleisenbahn und haben Western nachgespielt und Züge entgleisen lassen, indem wir Pfennigkracher auf die Schienen gelegt haben.

Die Redaktion: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, Persönlichkeiten aus der jetzigen Zeit oder aus der Geschichte zu einem Spiel einzuladen, wer dürfte an Ihrem Tisch Platz nehmen?

Sabine Ludwig: Da gibt es nur einen: Loriot. Er ist mein großes Vorbild. Ich würde ihm eine Partie Canasta anbieten und hoffen, dass er aus den Karten keine Häuschen knickt wie in seinem berühmten Skat-Sketch. Aber die Häuschen könnten wir dann gleich für eine Runde Monopoly nutzen, auch ein Spiel, bei dem die Emotionen hochkochen.

Bild ©Andreas Eisenhart

Die Redaktion: Was schätzen Sie am gemeinsamen Spiel?

Sabine Ludwig: Das Wunderbare am gemeinsamen Spielen ist, dass man es nicht nebenbei tun kann.
Man ist voll und ganz bei der Sache und lacht und flucht und schimpft, herrlich!

Einer schummelt immer, meistens bin das ich. Viele Eltern neigen ja dazu, ihre Kinder gewinnen zu lassen, damit es keinen Ärger gibt. Kinder durchschauen das sofort. Bei kleinen Kindern empfehle ich Memory, das gewinnt man als Erwachsener nie.

Die Redaktion: Was würden Sie heute Ihrem jüngeren Selbst empfehlen?

Sabine Ludwig: Es ist eher umgekehrt: mein jüngeres Selbst könnte mir etwas empfehlen, mehr zu spielen zum Beispiel, mehr Dinge zu tun, die einen in eine andere Welt abtauchen und vergessen lassen, was man alles unbedingt tun muss – Bügeln, Backen, Bücher schreiben …

 

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Das Magazin wurde im Mai 2016 gestartet, trotzdem kommen wir selber auf fast 20 Jahre Spielerfahrungen zurückblicken.