Grimms Märchen: Forscher der Uni Kassel entdeckt unbekannte Urschriften

Grimmwelt Rundgang mit Prof. Dr. Holger Ehrhardt, Universität Kassel, Institut für Germanistik 21. Oktober 2015

Bislang galten die sogenannten Oelenberger Handschriften als einzige erhaltene Urfassungen der Grimm‘schen Märchen – sie umfassen aber nur 46 von rund 200 der berühmten Erzählungen. Der Kasseler Märchenforscher Prof. Dr. Holger Ehrhardt hat nun 54 weitere Urschriften gefunden. Eine birgt eine besondere Überraschung.

Ehrhardt, Professor für Werk und Wirkung der Brüder Grimm an der Universität Kassel, stieß auf die Manuskripte bei der Auswertung von Unterlagen aus dem Grimm-Nachlass in Berlin.

Unter den unzähligen Dokumenten in diesem Archiv gibt es noch viele, die weder sortiert noch ausgewertet sind. Der Kasseler Germanist, der für seine Verdienste kürzlich den Europäischen Märchenpreis verliehen bekam, fand unter anderem Manuskripte, in denen sogenannte „Beiträger“ den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm Märchen und Sagen zusandten, aber auch Protokolle von Märchen, die sich die Grimms von Menschen aus der Bevölkerung erzählen ließen.

Darunter ist auch die Mitschrift der Gespenstersage „Der arme Bauer auf dem Kirchhof“ von der wohl berühmtesten Märchenerzählerin Dorothea Viehmann. Der Stoff fand später auf anderen Wegen und unter dem Titel „Der Grabhügel“ Eingang in die Kinder- und Hausmärchen. In diesem Protokoll übernahm Jacob Grimm die mundartliche Ausdruckweise der „Viehmännin“ – ein interessanter Einblick in den nordhessischen Dialekt jener Zeit.

Eine besondere Überraschung hält eine Fassung des Märchens „Die weiße und die schwarze Braut“ in der Handschrift von Jacob Grimm bereit, hier unter dem ursprünglichen Titel „Die Ente am Goßenstein“.

Ehrhardt fand in dieser Urfassung zahlreiche Belege, dass der Stoff von Dorothea Viehmann stammen muss und nicht, wie bislang angenommen, aus dem Umfeld der Adelsfamilie von Haxthausen. Der Forscher belegt das mit typischen Viehmann-Wendungen, etwa einer sogenannten iterativen Phraseoschablone mit dem Muster ,X und X‘.

So heißt es im nun gefundenen Text: „Was verdient die, welche das und das thut?“ Diese Wiederholung das und das „ist einer der auffälligsten Hinweise auf Dorothea Viehmann“, so Ehrhardt. „Solche eigenwilligen Doppelungen sind nur in drei Viehmann-Märchen sowie im vorliegenden Manuskript nachweisbar.“

Aber auch das Motiv einer nackten Frau – im Märchen „Die weiße und die schwarze Braut“ wird die böse Stiefmutter ausgezogen – findet sich nur bei Dorothea Viehmann. Erhardt: „„Sie hatte ein anderes Verhältnis zur Körperlichkeit als die jungen bürgerlichen Damen aus dem Bekanntenkreis der Brüder Grimm.“ In einem jetzt erschienen Aufsatz führt der Forscher zahlreiche weitere stilistische, inhaltliche und biografische Argumente für Viehmann als Quelle an.

Jacob und Wilhelm Grimm ersannen die berühmten Märchen nicht selbst, sondern schrieben auf, was ihnen die „Beiträger“ – einfache Menschen aus dem Volk, aber auch gebildete Leute – aus der Überlieferung berichteten.

Im Laufe mehrerer Überarbeitungen wurden daraus die „Kinder- und Hausmärchen“, wie wir sie heute kennen. Ursprünglich hatten die Grimms gar nicht geplant, die Geschichten selber zu veröffentlichen; vielmehr schickten sie ihre Mitschriften Clemens Brentano und Achim von Armin, die sich jedoch gegen eine Veröffentlichung entschieden.

Über Umwege gelangten 46 bis heute erhaltene Handschriften aus dem Besitz Brentanos in das elsässische Kloster Oelenberg. Dieses Konvolut wird nun ergänzt um 54 weitere authentische Dokumente aus dem Grimm-Nachlass.

„Das hat weitreichende Konsequenzen“, so Ehrhardt. „Hartnäckig hält sich der Glaube, dass es nur wenige Urfassungen gegeben habe, sondern die Grimms diese erfunden hätten, um den Erzählungen Authentizität zu verleihen. Das ist nun endgültig widerlegt.“

Ehrhardt veröffentlichte seine Erkenntnisse zur Entstehung des Märchens „Die Ente am Goßenstein“ respektive „Die weiße und die schwarze Braut“ im Journal „Fabula„.

 

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