Angesagt – Christina Valentiner-Branth

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Dieses Jahr hat der Weltspieltag am 28. Mai eine besondere Bedeutung: Brettspiele erleben in Zeiten der Pandemie ein wahres Revival. Spielehersteller verzeichnen einzigartige Zuwächse, beliebte Klassiker sind ausverkauft.

Dabei sind nicht nur Kinderspiele gefragt, auch Erwachsene entspannen sich gerne im aktiven Miteinander eines Gesellschaftsspiels. Die Familientherapeutin und Leiterin der Brettspielakademie Christina Valentiner-Branth erklärt im Interview, was hinter dem Trend steckt und weshalb Spielzeit so wertvoll ist.

Die Redaktion: Warum liegen Brettspiele derzeit so hoch im Kurs? Was macht das Spielen in der Familie so beliebt?

Christina Valentiner-Branth: „Spiele geben uns all das, wovon wir zur Zeit viel zu wenig haben: Spaß, Unterhaltung, Ablenkung, große Gefühle – und all das ganz analog. Ohne Bildschirm, ohne Kopfhörer, ohne Tastatur. Wir sind direkt und echt miteinander im Kontakt.

Wir fühlen, fluchen, freuen uns über Siege und ärgern uns über unverdientes Pech. Das alles in einem Spielraum losgelöst von der Realität. Wir vertiefen uns in eine Fantasiewelt, sei es als Ritter im Mittelalter oder als Siedler auf unbekannte Inseln.

Wir bestehen Abenteuer, gegeneinander oder als Team gegen das Böse und dabei vergessen wir für einen Moment das reale Weltgeschehen. Besonders wertvoll dabei ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit: Im Spiel kann ich etwas bewirken und bin handlungsfähig.

Ein gutes Gegenmittel gegen das Gefühl der Machtlosigkeit, das einen ja in den letzten Monaten schnell befallen konnte.“

Die Redaktion: Was lernen Kinder, wenn sie miteinander spielen?

Christina Valentiner-Branth: „Wenn Kinder miteinander spielen, dann üben sie wichtige soziale und emotionale Fähigkeiten. Sie konzentrieren sich, sie lernen, Frustrationen auszuhalten, sie erfassen neue Regeln und lernen, diese richtig anzuwenden.

Sie spielen ehrgeizig und selbstfürsorglich. Impulskontrolle, flexibles Denken und ein gutes Arbeitsgedächtnis sind das Fundament, auf dem überhaupt erst schulisches Lernen möglich wird. Wer viel spielt, dem fällt Fair Play leicht und der kann Kompromisse aushandeln und ertragen.“

Die Redaktion: Was macht ein gutes Spiel aus?

Christina Valentiner-Branth: „Es muss vor allem Spaß machen! Und Spaß macht alles, was mich nicht unter- oder überfordert und meinen sowie den Geschmack der Gruppe trifft. Besonders beliebt sind im Moment kooperative Spiele, in denen die Gruppe als Team gemeinsam eine Challenge besteht.

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Das stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl einer Familie. Außerdem werden immer mehr Zwei-Personen-Spiele gespielt, denn auch erwachsene Paare haben – erschöpft von zahllosen Videomeetings – in den letzten Monaten wieder verstärkt diese Form der analogen Unterhaltung für sich entdeckt.“

Die Redaktion: Bleibt spielen als Zeitvertreib auch nach der Pandemie bestehen?

Christina Valentiner-Branth: „Da bin ich mir sicher! In den ersten Wochen des Lockdowns habe ich viele Rückmeldungen bekommen, dass Eltern auf der Suche nach Zerstreuung eine staubige Spieleschachtel aus dem Schrank genommen haben und völlig überrascht und begeistert waren, wie viel Spaß es ihren Kindern und ihnen gemacht hat. Und sich dann Nachschub besorgt haben.

Nicht nur Familien haben es entdeckt: gemeinsames Spielen ist beziehungsfördernd und echte Quality-Time. Eine kleine Spielerunde vor dem Abendbrot, ein Spielenachmittag am Wochenende mit Freunden, ausgiebiges Spielen in den Ferien, all diese wiederbelebten Rituale werden bleiben.

Denn neben dem Spaß, neue Spiele zu entdecken und etwas gemeinsam zu erleben, kommt auch die Erkenntnis, dass gemeinsames Spielen eine gute Gegenwelt zu exzessivem Bildschirmkonsum sein kann. Wenn Familien von klein an eine eigene Spielkultur etablieren, dann kommen selbst Jugendliche gerne an den Familien-Spieletisch.“

Die Redaktion: Und passend zum Motto des Weltspieltages: Wie kommt Bewegung ins Spiel?

Christina Valentiner-Branth: „Gesellschaftsspiele bringen ja vor allem die Gehirnzellen auf Trab und sind daher das beste Mittel, im Denken beweglich zu bleiben. Aber es gibt natürlich auch Spiele mit ausgeprägten Bewegungselementen.

„Twister“ zum Beispiel, wo man sich auf einer Matte nach bestimmten Vorgaben verrenken soll. Auch Spiele mit pantomimischen Elementen laden zur Bewegung ein. Sehr beliebt sind auch aktionsreiche Partyspiele wie „Nilpferd in der Achterbahn“ oder „Activity“. Und dann gibt es die vielen Spielideen für draußen.

Nach einer Spielerunde am Tisch, die die Köpfe so richtig zum Rauchen gebracht hat, ist eine Runde Verstecken, Fangen oder Federball draußen genau der richtige Ausgleich.“

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Das Magazin wurde im Mai 2016 gestartet, trotzdem kommen wir selber auf fast 15 Jahre Spielerfahrungen zurückblicken.