Interview mit Iben Akerlie

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Sehr geehrte Iben Akerlie,

Was hat Sie dazu inspiriert, „Der Sommer, in dem einfach alles passiert ist“ zu schreiben?

Iben Akerlie: Als ich zum ersten Mal die Grundidee für das Buch hatte, wollte ich über Generationenbeziehungen schreiben und wie sie sich gegenseitig beeinflussen.

Zunächst handelte es sich um die Geschichte einer Enkelin und ihrer Großmutter, die sich kennenlernten. Ich begann direkt nach dem Corona Ausbruch zu schreiben, und einige Monate später ereignete sich die Ermordung von George Floyd, die die Debatte über Rassismus neu entfachte, sowohl offen geführt als auch versteckt und institutionalisiert.

Das weckte in mir den Wunsch, mich an der Diskussion zu beteiligen, und es fügte sich ganz natürlich in die Geschichte ein.

Redaktion: Wie lange haben Sie für die Entstehung Ihres Buches gebraucht?

Iben Akerlie: Es hat mit Unterbrechungen etwa zwei Jahre gedauert. Es war schwierig, das Buch zu schreiben, da es absolut „richtig“ sein musste; für mich und die Charaktere – und weil es um das Thema Rassismus geht und um die Reise von Nora und Abbas. Ich brauchte eine Weile, um dorthin zu gelangen.

Redaktion: Was war Ihnen beim Schreiben des Buches wichtig?

Iben Akerlie: Der Geschichte und den Charakteren treu zu bleiben und mit Nora zu zeigen, Fehler zu haben, die als falsche Meinungsäußerungen verwechselt werden könnten. Bei vielen Themen herrscht die Unwissenheit vor, bevor wir nach und nach lernen, wie die Welt funktioniert und welchen Platz wir darin einnehmen.

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Als Erwachsener und als Mensch war es für mich manchmal verlockend, Nora klüger oder weniger naiv zu machen. Aber die Geschichte dreht sich um ihre Bewusstseinsveränderung, die auch manchmal schmerzlich für sie sein musste.

Redaktion: Ihre Geschichte beschäftigt sich u.a. mit schweren Themen wie Krieg und Rassismus. Wie haben Sie es geschafft, trotzdem eine so warme und liebevolle Atmosphäre zu erzeugen?

Iben Akerlie: Ich denke, das mir dies gelungen ist, weil es eine Geschichte über mehr als „nur das“ ist – es geht um das Leben. Nora erlebt drei neue Lebenserfahrungen auf einmal. Sie ist zum ersten Mal verliebt, lernt mehr über ihre Familie und ihre Herkunft und der Ungerechtigkeit auf der Welt.

Ich denke, dass sich diese Erfahrungen, die sie sammelt, sich gegenseitig aufeinander auswirken und der Geschichte gegenseitig einen authentischen Eindruck verschafft.

Das Leben kann zugleich gut als auch schlecht sein, und die Darstellung dieser Gegenüberstellung hat mir geholfen, eine Atmosphäre zu schaffen, die nicht zu schwer wirkt.

Redaktion: Was möchten Sie Kindern mit Ihrer Geschichte vermitteln?

Iben Akerlie: Dass das Leben keine Einbahnstraße ist. Wir alle machen Fehler und wir sollten diese Momente als Lektionen nutzen, um zu wachsen.

Die Geschichte zeigt auch Erwachsenen, die sich dafür entscheiden, etwas zu tun, was nicht unbedingt richtig ist (in Bezug auf Wendys und Sayeds Entscheidung, die Wahrheit über Abbas zu bewahren, oder Anitas und Wendys Beziehung). Und ich denke, dass sie für junge Menschen nützlich ist.

Die Leser*innen können sehen, wie Erwachsene Fehler eingestehen und versuchen, sie zu korrigieren.

Als Nora das erste Mal erlebt, wie ihr Freund Abbas diskriminiert wird, muss sie dazu Stellung beziehen. Dabei handelt sie nicht spontan, sondern muss sich zuerst ihrer eigenen moralischen Werte bewusst werden.

Redaktion: Wollen Sie die Leser und Leserinnen dadurch animieren, sich Noras Reϐlektionen anzuschließen und darüber nachzudenken, wie sie selbst gehandelt hätten?

Iben Akerlie: Ja, in Bezug auf dieses und andere Probleme. Viele Leser*innen werden sich schon einmal in genau der gleichen Situation befunden haben. Im Allgemeinen schildert Nora die Schwierigkeit das Richtige zu tun, und insbesondere, wenn es um die Maßnahmen geht, die man in Situationen ergreifen sollte, in denen jemand misshandelt wird.

Manchmal ist die richtige Antwort unklar, und manchmal liegt es einfach nicht an uns, etwas zu unternehmen, vielleicht weil die Situation, die entsteht, neu ist oder wir uns unbehaglich fühlen.

Ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen bzw. Kinder aller Herkunft in einer vergleichbaren Situation waren und das Beispiel von Nora nutzen können, um ihren eigenen „Weg der Stellungnahme“ zu finden.

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Redaktion: Bereits in Ihrem ersten Roman „Lars, mein Freund“ schrieben Sie über eine Protagonistin, die sich positionieren muss, als ihr Freund diskriminiert wird. Warum ist es Ihnen wichtig, dieses Thema in Ihren Kinderbüchern aufzugreifen?

Iben Akerlie: Es eröffnet eine umfassendere Debatte, in der meiner Meinung nach die „richtige Antwort“ für die Charaktere und die Leser*innen oft klar ist, die Realität jedoch oft viel unklarer ist. Es ist oft schwierig ist, das zu tun, was sie sollten (oder sogar wollen), und dass es einen Weg der Lösung geben muss, um die gewünschten Verhaltensweisen zu erreichen.

Ich denke, das ist besonders wichtig, wenn man für Kinder schreibt, denn sie beϐinden sich an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie viele solcher Lektionen lernen. Darin liegt die sehr wichtige Botschaft, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen, wenn man daraus lernt.

In vielerlei Hinsicht sind meine Protagonist*innen (weiche) Antihelden, und ich denke, dass dies manchmal als realistischerer Leitfaden für jüngere Leser*innen dient. In dem Sinne, dass durch die Charaktere anerkannt wird, dass Situationen selten einfach sind und es einige Entscheidungen gibt, die schwer zu treffen sind.

Redaktion: Abbas möchte unbedingt mehr über sein Heimatland Afghanistan erfahren, das er nur aus den spärlichen Erzählungen seines Vaters kennt. Warum, glauben Sie, ist das so wichtig für ihn? Inwiefern kann es ihm helfen, sich selbst zu finden?

Iben Akerlie: Ich denke, es ist für viele in unterschiedlichem Maße wichtig. Ich denke, dass es insbesondere bei Abbas eine Diskrepanz in der Art und Weise gibt, wie er von einigen Menschen in seinem Geburtsland als „anders“ behandelt wird, und warum das so ist. Indem die Erwachsenen um ihn herum sein Bedürfnis nach Antworten vernachlässigen, unterdrücken sie seine Entwicklungsmöglichkeiten.

Beispielsweise fällt es Abbas schwer, auf Dorrits Verhalten zu reagieren. Wenn er mehr über die Herkunft seiner Familie erfährt, wird er in der Lage sein, besser für sich selbst einzustehen, seinen Wortschatz zu erweitern und sich selbst und andere über die komplexen Gefühle aufzuklären die entstehen, wenn man Opfer von Gewalt und Rassismus ist.

Redaktion: Welche ist Ihre Lieblingsszene aus „Der Sommer, in dem einfach alles passiert ist“?

Iben Akerlie: Meine Lieblingsszene ist die Passage von Abbas, der Nora den See zeigt, bis Dorrit sie in der Hütte entdeckt. Es bietet Romantik und höchste Dramatik. Und ich mag den plötzlichen Tempowechsel.

Redaktion: Woran haben Sie gedacht, als Sie die idyllische Landschaft erschaffen haben, in der Noras Oma lebt? Können wir diesen Ort besuchen?

Iben Akerlie: Es liegt in den Wäldern und Kleinstädten nordöstlich von Oslo und grenzt an Schweden. Das Gebiet heißt „Hedemark“. Ich habe Familie aus der Gegend, bin dort aufgewachsen und habe dort viel Zeit verbracht.

Es ist dicht bewaldet und dünn besiedelt und bietet eine großartige Kulisse für eine Geschichte. Es ist auch eine andere Art von natürlicher Schönheit als die, die oft mit Norwegen in Verbindung gebracht wird. Es ist nicht unbedingt großartig, aber auf seine Art sehr schön.

Zum Buch geht es hier lang:

https://www.oetinger.de/buch/der-sommer-dem-einfach-alles-passiert-ist/9783751204170

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