Angesagt – Nina Weger

Foto: © Oetinger / Foto: Joerg Schwalfenberg

Sehr geehrte Frau Nina Weger,
die »Räuber Rapido«-Reihe ist Ihre erste Geschichte, die sich an ein jüngeres Publikum zum Vor- und Erstlesen richtet, Ihre bisherigen Bücher waren für junge Leser zwischen 8-10 Jahren. Wie kam es dazu?

Nina Weger: Ich habe jährlich 120 bis 150 Lesungen an deutschsprachigen Schulen. Gerade wenn es in ländliche Gebiete geht, werde ich häufig gefragt, ob ich für alle Kinder der Schule lesen könnte. Natürlich kann man ‚Die sagenhafte Saubande’ auch Erst- und Zweitklässlern vorlesen, aber ich möchte die Kinder ja zum Selbstlesen motivieren und dafür begeistern, eigenständig ein Buch in die Hand zu nehmen. Für die Kleineren waren meine Bücher zu schwer, die Geschichten zu komplex.

Kurz: Mir fehlte etwas im Repertoire! Außerdem probiere ich immer gern Neues aus und suche auch schreibend Herausforderungen. Ich hatte schon lange eine Räubergeschichte im Kopf – und da passte es einfach perfekt, diese für Leseanfänger zu erzählen.

Die Redaktion: Für die kleineren Lesern mussten Sie auch Ihren Schreibstil entsprechend anpassen, wie ist Ihnen das gelungen?

Nina Weger: Ehrlich gesagt hatte ich da die größten Befürchtungen. Satzbau und Vokabelumfang waren in meinem bisherigen Geschichten immer relativ anspruchsvoll.

Es galt also eine Sprache zu finden, die leicht zu lesen ist, aber trotzdem mit Worten, Rhythmus und Bildern spielt. Die Kinder müssen Spaß beim Lesen haben – aber ich auch beim Schreiben. Sonst funktioniert das nicht.

So ist diese sehr eigene Räubersprache entstanden. Ich habe ein ganzes Heft voll mit Begriffen, die ich während des Schreibens gesammelt habe. Das fing schon bei der Namensgebung der Figuren an. Jeder Eigen-Name ist aus einem Begriff entstanden, dem man gern einem Räuber zuschreibt: So stammt Rapido aus Rrrr-Räubersippe.

Sein Vater heißt Rigoros – die Gegenspieler Schufterus und Schurkan. Rapido ist übrigens aus einem gemeinsamen Brainstorming mit meiner Tochter entstanden, die meine härteste Kritikerin ist – und eine begabte Wortschöpferin. Ich hatte da große Unterstützung.

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Die Redaktion: Ihre Geschichte steckt voller liebevoller Wortschöpfungen und Sprachwitz. Wie haben Sie insbesondere die vielen (kindgerechten!) Räuberschimpfworte ersonnen?

Nina Weger: Das hat Spaß gemacht! Ich muss zugeben, dass mir Flüche und Schimpfworte relativ flüssig über die Lippen kommen. Da bin ich nicht immer stolz drauf, aber in diesem Fall hat sich das als äußerst hilfreich herausgestellt. Ich spreche die Worte als erstes laut aus.

Ganz entscheidend ist der Klang. Ich finde es nicht schlimm, wenn Kinder nicht jedes Wort sofort verstehen, solang sie der Klang bezaubert. In den meisten Fällen entnehmen Kinder den Sinn aus dem Gesamtzusammenhang oder fragen nach. Wir sollten da viel mehr Vertrauen in das Empfinden der Kinder haben. Außerdem muss man doch auch etwas zu entdecken haben.

Die Redaktion: »Räuber Rapido« ist sowohl für Kinder als auch Erwachsene sehr lustig, neben dem Sprachhumor gibt es z.B. zahlreiche augenzwinkernden Anspielungen auf die heutige Welt mit uns »Normalos«. Hatten Sie beim Schreiben neben dem kleinen auch den großen (Vor)leser im Blick?

Nina Weger: Unbedingt. Nichts ist schlimmer beim Vorlesen, als wenn man sich selbst zu Tode langweilt. Eine gute Geschichte hat immer mehrere Ebenen. Ich möchte eine spannende Abenteuergeschichte erzählen, aber ich habe auch Botschaften, Fragen, Überlegungen, die ich mit meinen Lesern teilen möchte. Wir nehmen viele Dinge als selbstverständlich und normal hin.

Aber ist es das? Wenn man mal kurz inne hält und versucht, die Welt von außen zu betrachten, dann ist da doch schon ziemlich vieles irre, was wir hier veranstalten.

Aber natürlich habe ich auch Spaß daran, aus dem Räuber-Wald heraus mein eigenes  ‚Normalo’-Leben zu betrachten.

Die Redaktion: Welche Botschaft wollen Sie Ihren jungen LeserInnen vor allem vermitteln?

Nina Weger: In all meinen Projekten, in denen ich mit Kindern und Jugendlichen zusammen arbeite, geht es auch immer darum, einen kritischen Blick zu entwickeln. Dinge nicht als gegeben zu akzeptieren.

Nur dann können wir die Welt zu einer besseren machen, soziale Ungerechtigkeiten ausräumen oder unsere Umwelt retten. Eine konstruktive, kritische Betrachtung  muss man auch üben – oder immer wieder neu erlernen. Darum sind Geschichten, Lesen so wichtig: Wir wechseln die Perspektive, schlüpfen in eine andere Person und versuchen mit ihren Augen die Welt zu sehen. Das macht uns sensibel, offen und trainiert unsere Empathiefähigkeit.

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Die Redaktion: Was denken Sie, wo treffen und wo unterscheiden sich der kindliche und der erwachsene Humor?

Nina Weger: Puh, schwierige Frage. Also: Immer wieder faszinierend sind für mich die Lachanfälle in Schulklassen, nur weil man die Worte ‚Popo’, ‚Pups’ oder  ‚Hintern‘ vorgelesen hat. Egal ob sie in einem Dorf an der Nordsee lesen oder auf der schwäbischen Alp – Sie sagen ‚Popo‘, und die Lacher sind ihnen sicher. Das ist natürlich die plumpeste Form von Humor und damit lockt man keinen Erwachsenen hinter dem Ofen hervor.

Humor kann Sprachwitz sein oder situativ bedingt. Dann geht es um die Bilder, die dabei im Kopf entstehen. Zu versuchen, das auf den Punkt zu bringen, für Vorleser und Zuhörer gleichermaßen lustig zu gestalten, ist echte Arbeit. Aber am Ende kann man nur so schreiben, wie man es selbst amüsant oder witzig findet. Manche können das teilen, andere nicht. Wenn man von Beginn an nur auf möglichst viel Beifall schielt, geht es garantiert daneben.

Die Redaktion: Bei den Räubern herrscht komplett verkehrte Welt – gute Manieren oder Höflichkeit sind hier nicht gerne gesehen. Was würde Ihnen selbst am besten daran gefallen, in einer solchen Räubersippe zu leben?

Nina Weger: Oh, ich liebe es, Grenzen auszutesten – wenn auch nur gedanklich! Etwas auszuprobieren, und zu gucken, was dann passiert, ist wunderbar. Neulich habe ich mit meiner Familie einen Spaziergang gemacht. Wir beobachteten an einem kleinen Berg, wie ein Vater von seinem Rad stieg und seiner kleinen Tochter half, die unbedingt diese Steigung hinauffahren wollte.

Da schoss mir der Gedanke durch den Kopf: Hey, ich würde zu gern sein Gesicht sehen, wenn ich mir sein Fahrrad schnappen und wegfahren würde. Natürlich würde ich niemals etwas wegnehmen oder klauen, aber allein die Vorstellung seiner Reaktion hat mir diebische Freude bereitet. Offensichtlich schlummert da ein räuberischer Zug in mir, den ich jetzt mit Rapido ausleben konnte.

Ich glaube, um einen moralischen Kompass zu bilden, muss man auch das Unerlaubte, nicht Richtige kennen und durchdenken. Aber wann sind Kinder heute noch unbeobachtet, wirklich frei? Ich bin dankbar, dass ich in meiner Kindheit große Freiheiten hatte.

Wir haben mit einer Bande viel im Wald gespielt, sind umhergestreift. Wir haben Dämme in Bächen und Hütten gebaut – und ja, auch jede Menge Matschschlachten veranstaltet. Ich springe heute noch gern in Pfützen. Und zwar mit Karacho.

Das Interview führte Donate Altenburger.

Mehr unter http://www.ninaweger-kinderbuecher.de oder Verlag Oetinger

Tipp

Über den Autor

Wilfried Just

Das Magazin wurde im Mai 2016 gestartet, trotzdem kann ich selber auf fast 15 Jahre Spielerfahrung zurückblicken. Das Bild wurde von Juli gezeichnet.