Im Gespräch mit Jana Steingässer

Steingässer_Jana_2018/ ©Jens Steingässer

Sehr geehrte Frau Jana Steingässer,
Ihr neues Buch mit dem Titel „Hannahs Reise“ ist gerade verlegt worden. Könnten Sie kurz skizzieren, um was es in Ihrem Buch geht?

Jana Steingässer: Hannah macht mit ihrer Familie eine Reise auf den Spuren des Wassers. Die beginnt zu Hause mit der Frage, warum in manchen Gegenden Menschen mit Wasserarmut zu kämpfen haben, obwohl doch eigentlich gar kein Wasser auf unserem Planeten verloren gehen kann. Und was das mit uns, auch mit unserer eigenen Familie, zu tun hat.

Die Redaktion: Ihnen liegt der Klimaschutz sehr am Herzen. Sie reisen mit Ihren Kindern an Orte, wo die Auswirkungen der Klimakatastrophe am schlimmsten sind. Sie haben dabei viel gesehen. Könnten Sie bitte Ihre Eindrücke schildern, was Sie bei diesen Reisen besonders schockiert hat?

Jana Steingässer: An Eisflächen konnten wir sehr deutlich sehen, wie die Klimakatastrophe zuschlägt. Zum Beispiel, wenn Gletscher abschmelzen. Schon bei unserer ersten Etappe stellt Hannah fest, dass ein Alpenfluss, der durch Schmelzwasser aus den Alpengletschern gespeist wird, plötzlich verschwindet. Das sorgt für viele Fragen und Verwirrungen.

Wie kann ein Fluss einfach verschwinden? Aber auch in Gegenden in Marokko oder Jordanien, wo Süßwasser sehr knapp ist, stellen wir fest, wie ungleich Wasser verteilt ist, wie ungerecht wir dann aktiv darauf zugreifen und wie die Klimakatastrophe dieses Ungleichgewicht noch verstärkt.

Dieses Jahr haben wir ja auch in Deutschland zu spüren bekommen, wie es sich anfühlt, wenn es viel zu heiß ist und zu wenig regnet.

Dann sterben beispielsweise unsere Wälder ab, ohne die wir nicht leben können, weil sie unseren Sauerstoff produzieren, den wir zum Atmen brauchen. Oder Meere werden warm sauer und die darin lebenden Tiere und Pflanzen sterben im schlimmsten Fall.

Was uns am meisten schockiert, ist zu sehen, dass wir Menschen das, was wir zum Leben brauchen, kurzsichtig zerstören. Dazu gehören auch unsere Gewässer und unsere Meere. Und dass wir oft gar nicht sehen, wie wir mit unserem Konsumverhalten, also dem, was wir herstellen lassen und kaufen, die Lebensgrundlage anderer Menschen zerstören.

Bild Oetinger

Die Redaktion: Die Erde ist eigentlich für uns eine Wohnung und keiner würde seine Wohnung so vermüllen, wie wir es mit der Erde tun?

Jana Steingässer: Das stimmt, aber stellen wir uns mal vor, die Wohnung ist so groß wie ein gigantischer Palast. Wenn wir davon die Hälfte zumüllen und einfach die Türen schließen, so dass wir den Müll nicht sehen, erscheint der Rest des Palastes wunderbar sauber und bequem bewohnbar.

Wir können den Müll getrost vergessen. Dummerweise leben in dieser Hälfte des Palastes aber andere Menschen und Tiere sowie Pflanzen. Die leiden massiv darunter, dass wir einfach unseren Dreck in ihren Teil des Palastes abgeladen haben.

Und noch wichtiger ist, dass der Müll (und vor allem auch die Giftstoffe aus Landwirtschaft und Industrie) nicht dort bleiben, sondern sich ganz heimlich und leise ausbreiten.

Bis sie auch in unserem Teil des Palastes ankommen, zum Beispiel durch das Wasser, das wir trinken. Wir Menschen glauben außerdem immer noch, dass alles, was weit weg ist und was wir nicht direkt sehen, uns nicht schaden kann.

Aber nehmen wir mal das Beispiel Ozean: Ozeane sind für uns Menschen überlebenswichtig. Auch wenn wir weit weg vom nächsten Strand leben. Sie sorgen für ein Klima auf der Erde, in dem wir uns wohl fühlen, sie produzieren so viel Sauerstoff wie unsere Wälder, sie liefern uns Nahrung und nehmen Wärme und klimaschädliches Kohlendioxid auf, das wir produzieren, wenn wir Autos fahren, Flugzeuge fliegen und mit Maschinen Dinge produzieren.

Aber dabei verändern wir unsere Ozeane so, dass das Leben darin langsam zerstört wird. Wenn das aber passiert, werden sie für uns nicht mehr ausreichend Sauerstoff und Nahrung produzieren, sie können unser Klima nicht mehr so gut regulieren. Das betrifft dann wiederum alle Menschen auf der Erde.

Die Redaktion: Was wünschen Sie sich, was Ihr Buch dabei erreichen soll?

Jana Steingässer: Ich wünsche mir, dass wir Menschen verstehen, dass wir nicht ohne gesunde Natur überleben werden. Wir sind ein Teil der Natur. Und da es kein Entkommen gibt vor den Folgen der Klimakrise, egal wo wir leben, dass wir uns für alle Lebensgrundlagen auf der Erde einsetzen, auch wenn sie weit weg erscheinen.

Wenn wir lernen, dass es nichts hilft, nur ein Zimmer im Palast sauber zu halten und mit gutem Essen und sauberem Wasser auszustatten. Denn in ein Zimmer passen nicht alle Menschen, Tiere und Pflanzen, die wir brauchen, damit der Palast nicht einstürzt.

Bild Oetinger Verlag

Die Redaktion: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen, denn Sie hatten eigentlich vorher komplett etwas anderes studiert?

Jana Steingässer: Eigentlich bin ich Ethnologin, ich beschäftige mich also mit der Vielfalt menschlicher Lebensweisen auf unserem Planeten. Vor über zehn Jahren habe ich aber ganz intensiv angefangen, mich mit der Klimakatastrophe zu beschäftigen. Das hat mich sehr besorgt, was ich da gelesen und erfahren habe.

Vor allem weil ich dachte: Wir sehen gar nicht, wie wir gerade unseren „Palast“ zerstören. Aber Klima und Klimawandel zu verstehen, ist gar nicht so einfach. Deshalb wollte ich versuchen, dieses Thema vor allem für Kinder und Jugendliche so verständlich wie möglich darzustellen.

Und zwar so, dass meine Leser:innen merken: „Es ist zwar eine riesige Aufgabe, die wir bewältigen müssen, wenn wir die Klimakatastrophe abbremsen wollen, aber gemeinsam ist das möglich“.

Die Redaktion: Man spürt beim Lesen, dass Sie ganz in die Perspektive der Kinder eintauchen. Wie finden Sie dazu den Zugang, um diese vielfältigen Themen zu präsentieren?

Jana Steingässer: Ich beobachte sehr genau, wie meine Kinder mit dem Erlebten umgehen, welche Fragen auftauchen und auch, was sie als ungerecht empfinden, oder als unverständlich. Aus der Perspektive von Hannah war es nicht zu verstehen, warum ein Junge in ihrem Alter sich unter einen Lastwagen hängt, um ganz allein aus Marokko nach Europa zu flüchten.

Da tauchen viele Fragen auf, auch Gerechtigkeitsfragen.

Die Redaktion: Es gibt Autoren, die behaupten, dass ein komisches Buch viel schwieriger zu schreiben sei als ein trauriges Buch. Woran liegt das?

Jana Steingässer: Gute Frage, das weiß ich nicht. Vielleicht weil man für ein „komisches“ Buch (und in Hannahs Reise gibt es auch viele lustige Passagen, in denen wir uns über uns selbst amüsieren) einen gewissen Abstand zu den Themen einnehmen muss.

Eigentlich läge es auf der Hand, nur traurig zu sein, wenn man über die Klimakatastrophe, das Artensterben oder die Zerstörung unserer Meere schreibt.

Aber wir sind Menschen, und auch in eigentlich ernsten Situationen passieren manchmal lustige Dinge, die dann sogar dazu führen, dass wir zu ganz wichtigen Fragen und Erkenntnissen kommen. Mir ist es wichtig, dass meine Leser:innen, die sich mit Hannah auf eine Reise begeben, auch Spaß haben.

Es schließt sich gar nicht aus, dass wir miteinander Spaß haben, während wir uns ernsten Themen widmen. Im Gegenteil: Je mehr Spaß es macht, desto eher werden wir uns auch wieder mit den wirklich wichtigen Themen befassen und sogar etwas tun, um die Klimakatastrophe aufzuhalten.

Steingässer_Jana_2018/ ©Jens Steingässer

Die Redaktion: Wie viel von Ihnen selbst steckt in der Geschichte?

Jana Steingässer: Ganz sicher steckt viel von mir in jedem Buch. Allein schon dadurch, dass ich ja auswähle, welche Episoden der Reisen ins Buch kommen, welche Themen wir vertiefen, ob dabei Angst geschürt oder Hoffnung geweckt werden soll.

Die Redaktion: Wir sind ein Familienspielmagazin und versuchen Erwachsene dazu zu bewegen, mit ihren Kindern zu spielen, weil dies für die kindliche Entwicklung wichtig ist. Was wurde bei Ihnen zu Hause gespielt?

Jana Steingässer: Meine Kinder lieben Gesellschaftsspiele. Aktuell: Wer besser spinnt, gewinnt. Das ist manchmal so lustig, dass wir vor lachen kaum weitermachen können. Früher haben wir aber auch oft Rollen getauscht. Die Kinder durften einen Tag lang Eltern sein, wir waren die Kinder. Dann haben sie den Tag gestaltet und entschieden, was wir machen, was wir essen usw.

Das war manchmal sehr komisch, weil sie uns gespiegelt haben, was wir an uns gar nicht wahrnehmen. Meistens war es so, dass wir alle froh waren, am Ende des Tages wieder in unsere eigenen Rollen zurückkehren zu dürfen.

Ich war aber auch noch nie ein Fan davon, Kinder zu „bespaßen“. Langeweile gehört dazu, damit Kinder selbst kreativ werden und zu spielen beginnen. Wenn sie eigene Wege entdecken können, die nicht von Erwachsenen vorgegeben sind.

Die Redaktion: Was war Ihnen dabei wichtig, wenn Sie mit Ihren Eltern oder Geschwistern gespielt haben?

Jana Steingässer: Ich selbst habe es als Kind sehr genossen, dass meine Mutter uns viel Freiraum für Kreativität gelassen hat. Wir durften experimentieren, basteln, bauen, eigene Spiele erfinden. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass ich mich mit meiner Schwester und Schulfreund:innen einem Menschheitstraum gewidmet habe: Fliegen!

Unser Ziel war es, einen fliegenden Sessel zu bauen. Unser Hof sah dabei aus wie eine Schrottwerkstatt, aber wir hatten einen solchen Spaß. Meine Mutter hat uns nie gebremst oder unsere Fantasie zerstört. Natürlich ist der Sessel nie vom Boden abgehoben, aber dieses Spiel hat ganz sicher dazu beigetragen, dass ich mir später viel zugetraut habe.

Die Redaktion: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, Persönlichkeiten aus der jetzigen Zeit oder aus der Geschichte zu einem Spiel einzuladen, wer dürfte an Ihrem Tisch Platz nehmen?

Jana Steingässer: Alexander von Humboldt. Für mich ist er das beste Beispiel dafür, wie Neugierde und das Ausweiten der eigenen Grenzen dazu führen, wirklich neue Sichtweisen zu entwickeln.

Die Redaktion: Was schätzen Sie am gemeinsamen Spiel?

Jana Steingässer: Das Gemeinsame! Auch in unserem Alltag kommt die gemeinsame Zeit oft zu kurz. In ganz „dichten“ Zeiten nehmen wir uns gerne Zeit für einen Spieleabend. Ganz klassisch am Esstisch und mit allen möglichen Knabbersachen gewappnet.

Die Redaktion: Was würden Sie heute Ihrem jüngeren Selbst empfehlen?

Jana Steingässer: Glaube an deine Ideen! Lass dir nicht einreden, dass das, was du dir vornimmst, nicht klappen kann.

Die Redaktion: Wir möchten uns für das Gespräch recht herzlich bedanken und wünschen viel Erfolg mit Ihrem neuen Buch.

Verlag www.oetinger.de

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Das Magazin wurde im Mai 2016 gestartet, trotzdem kommen wir selber auf fast 15 Jahre Spielerfahrungen zurückblicken.